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Donnerstag, 3. November 2011

peoplewatching #14 : Die Herde

Blaue Wolle, rote Wolle, grau und grün und weiß.
Gelockt, gebügelt, glattgestrichen.
Die halbe Herde sitzt, die Späten müssen stehen.
Die Schäfchen schnuppern, warten was da kommt. Alle sind sie bunt, soist das anfangs meist, wenn die Herde nur nach vorne schaut. Im Trockenen sitzt.
Ob Schaf, ob Hirte oder Wolf, das weiß noch keiner so genau. Doch die Grenze zwischen den Sitzenden, den Langsamen und dem unruhigen, doch beruhigenden Auf und Ab und Vor und Rück und Hin- und Wiederschauen des Platzhirsches einwandfrei erkennbar.
Da muss nicht viel interprtiert werden. So ist das unter Schafen. Zumindest am Anfang. Wenn sie noch alle bunt sind.
Keine Luft zum Atmen, kein Sauerstoff zum Sprechen.
Ein bisschen eingeschränkt ist da der Schafeskopf. Kann zwar rechts und links mal äugen, es geht auch schräg hinüber.
Genügsam ist das Wohlgelockte.
Es harrt und schweigt, es murmelt nur und wartet, was da kommt.


Montag, 5. September 2011

peoplewatching#13: sonntagmorgens.

Sie saß auf der einzigen Bank am Bahnsteig. Hatte Wadenmuskeln wie ein Radfahrer und Haare wie Reinhold Messner. In mir machte sich Unruhe breit, ich mag meine Ruhe haben. 
Besonders sonntagmorgens. Schlimm genug, dass ich überhaupt zu solch einer Unzeit am Sonntag unterwegs sein muss. Wenn dann auch noch andere Menschen unterwegs sind. Ätzend. 
Und dann sollte ich auch noch stehend auf den Zug warten? Ich schluckte meinen Ärger runter, ließ einen Platz zu meiner Vorgängerin frei (sie saß natürlich nicht am Rand der Bank, sondern in der Mitte. Wer macht denn sowas?!) und setzte mich. Sie blickte mich an und bohrte sich mit ihren Augen in mein Gewissen. Jedenfalls glaubte ich das zu spüren. Vielleicht mag sie auch, gerade sonntagmorgens, ihre Ruhe haben. Ich glaube auch, sie war ziemlich erbost. Wie konnte ich es wagen. Naja, immerhin war die Bank für vier Personen, da werde ich mich ja wohl dazu setzen dürfen. Eine Zeit lang beobachtete Reinhold Messner mit den Radfahrerwaden und Brüsten die Situation. Dann stand sie auf und entfernte sich. Nicht ohne jeden Meter Halt zu machen und ihr Gewicht jeweils circa zehn Mal von dem rechten auf das linke Bein zu verlagern. Seitwärts wackelte sie sich hin und her. Rechts links. Rechts links. Rechts links. Bestimmt Zehnmal. Was geht? Komische Menschen sind sonntagmorgens unterwegs.
Sie war weg, ich widmete mich meinem Erdnussbutter-Kürbisbrot und den Kopfhörern in meinen Ohren. Elvis und Tori Amos. Und ein bisschen moderne Rockmusik. Kamen da raus, meine ich.
Ich beobachtete wie vom Bahnsteig gegenüber ein Herr mit Jutebeutel, hier sagen wir Leinenbeutel – oder Büdel – die Beine in die Hand nahm und offenbar auf unseren Bahnsteig herübersprintete. Was ist denn los heute früh?
Er stellte sich zu mir neben die Bank. Unangenehm nah. Ich sah mir an was ich sehen konnte, ohne den Blick dabei so hoch zu setzen, dass ich ihm in die Augen sehen müsste. Er stand nämlich in einer Art mir zugewandt, dass ich fürchtete, er könne mich ansprechen. Und das am Sonntagmorgen...neee. Merkwürdig sah der Sprinter aus. Er trug schwarze Schnürschuhe (das war zugegebenermaßen noch nicht merkwürdig) und stand in einer 1A ballettösen Grundposition, trug ferner eine ausgestellte Samtcordhose in Popelgrün ohne Gürtel (schon komischer), den erwähnten Jutebeutel; stark beladen, ein weißes Poloshirt, eine Erich-Honecker Brille und Gerd-Netzer-Frise. Seine Haut zierten diverse Flechten. Das war ein bisschen eklig. In Anbetracht der Tatsache, dass er so nah neben mir und auch noch mir zugewandt stand, sogar sehr eklig. Wenn er sich jetzt kratzte, würden bestimmt Hautschuppen auf mich fallen. Ich weiß, dass es gemein ist, sowas zu denken. Schließlich kann er wahrscheinlich nichts dafür, dass er so eine Haut – Dysfunktion hat. Es tat mir auch sofort leid. Ich rutschte weiter nach links.
Ich glaube er wollte mich ansprechen. Ich vertiefte mich in mein Buch. Dann nahm er eine Flasche Frosch-WC-Reiniger aus dem Büdel und nahm ein paar tiefe Schlucke. WTF? Okay, die Aufkleber waren ab, aber es war definitiv eine Frosch-WC-Reinigerflasche! Na gut, vielleicht will er aber auch einfach nicht zuviel Müll produzieren. Wie sich noch herausstellen sollte, kam er nämlich aus der Schweiz, vielleicht haben die dort ja kein Pfandsystem. Und ein anderes Modeverständnis.
Nun kam ich allerdings nicht mehr umzu meinen Blick derart zu erheben, dass ich ihm ins Gesicht blickte. Vorher schielte ich nur hoch, sonst hätte ich ja auch gar nicht seine Frisur und Brille beobachten können. Aber der WC-Reiniger gab mir den Rest und ich vergaß alle Diskretion.
So kam es, dass er mich ansprach. Ob er denn hier richtig sei, auf dem Bahnsteig in Richtung Wunderland?
Naja, okay, das fragte er nicht. Leider. Aber er fragte schon, ob das der richtige Bahnsteig zu seinem Ziel sei. Denn, und jetzt kommt der Knüller, er käme aus der Schweiz, das stellte sich heraus und er müsse sich hier immer erstmal umorganisieren. Denn, Knüller: in der Schweiz hätten sie ja Linksverkehr und dann müsse er sich hier immer erstmal umorganisieren.
Ich dachte danach tatsächlich den ganzen Tag nach, aber nein. Die Schweiz hat keinen Linksverkehr. Aber ihre Bewohner haben einen sehr ausgeprägten Dialekt. Mein, mir sehr nah zugewandter Zeitreisender hier sprach allerdings lupenrein Neuhochdeutsches Hochdeutsch.
Komische Leute sind sonntagmorgens unterwegs. Ich bejahte seine Frage nach der Richtigkeit des Bahnsteigs, fragte mich, ob es nicht doch vielleicht nach Wunderland gehen könnte und widmete mich konzentriert dem hartgekochten Wunderland zwischen meinen Buchdeckeln.
Der Zug kam. Verspätet. Ich suchte mir einen Platz und rutschte ganz weit an die Wand. Neben mir kann auf einem ein-Personen-Sitz immer noch jemand Platz nehmen. Nicht weil ich so verschwindend gering wäre, sondern weil ich das immer so mache. Mit so viel Abstand Menschen bitte meine Privatsphäre einhalten sollen, mit so wenig Abstand halte ich gerne Abstand zu Materie. Im Bett quetsche ich mich eng an die Wand, am besten unterstützt von tausenden Kissen überall und auf Stühlen rutsche ich immer eng an eine Lehne.
Ich schaute aus dem Fenster und dachte angestrengt über die Komischheiten der Menschen nach. Vor allen Dingen sonntagmorgens. Vielleicht fallen sie in der Sensibilität des Wochenendes aber auch nur mehr auf. Vielleicht verhält es sich aber auch so wie das Ende der Welt zum Hardboiled Wonderland. Denn in der Schweiz haben sie zwar wirklich Rechtsverkehr, allerdings nur die Autos. Züge fahren dort tatsächlich einmal umgedreht.

Mittwoch, 10. August 2011

peoplewatching #12: vom Geschichten erzählen und erzählt bekommen.

Und während ich von Frauen lese, deren Haar nach Äpfeln riecht, deren Augen warm und braun wie Haselnüsse oder tief und unergründlich blau wie Ozeane sind, deren Stimmen klingen wie ein warmer Sommerregen oder gar glockenhell, als würden Engel singen, deren Haut weich wie Seide ist, durch zart blonde Härchen glitzert wie Karibiksand in der Sonne und dabei riecht wie Dampf, der vom Moos einer lichtdurchfluteten Waldlichtung aufsteigt - während ich von all diesen Zauberwesen lese und die Augen schließe,  tief einatme, mir mit all meiner Kraft vorstelle, während ich all das tue - warte ich. Und träume. Und hoffe.
Manchmal so fest, dass mich all die Bilder, Gerüche, Erdachtes in der Nacht erneut vereinnahmen. Und hier stellen sie sich vor und ich muss mich gar nicht mehr anstrengen. Ist das dann das eigentliche Geheimnis dieser Worte?
Und dann kommt der nächste Tag und mit dem Augenaufschlag dringt das scharfe Licht ein, die Wärme schwindet und das Herz implodiert.

Und ich gehe durch den Tag, mit offenen Augen versuche ich das Buch des Asphalts zu lesen.
Sehe Männer, auf deren Wimpernkranz jede Frau neidisch wäre. Sehe helle Geister, deren Worte wie eine wohltuende Umarmung klingen. Sehe jene, deren Taten mit dem gesenkten Blick mehr vermitteln als jeder Ausspruch es je könnte. Erkenne Augen, hinter denen eine Traurigkeit steckt, die mich im Herzen sticht und Väter, vor denen man ob ihrer aufopferungsvoll geduldigen Hingabe niederknien und ihnen im Namen aller Töchter und Söhne in alle Ewigkeit dankbar sein möchte. Bemerke ich Narben auf Handrücken, erahne selbe auf Seelen, die eine unendliche Geschichte niederschreiben könnten.

Und es drängt sich eine Frage bis unter den dicken Kloß Richtung Kehlkopf, was ist Traum? Darf ich weiterlesen und beobachten und vorstellen und sehen und erahnen oder ist es an der Zeit, das Buch zuzuklappen und ein für alle Mal wegzulegen oder darf und sollte diese Zeit vielmehr niemals kommen?

Mittwoch, 27. Juli 2011

peoplewatching #11: die verlorenen Kinder vom Bahnhof Niemandsland.

Als würde ein Löwe seinen Herrschaftsanspruch über das Rudel geltend machen wollen. Nicht nur durch lautes Gebrüll. Auch Scheiße und Urin spielen, den Gerüchen der Unterführung nach zu urteilen, eine gewichtige Rolle.
All das, Geruch und Gebrüll, dringt nur leider nicht recht durch bis zum Rudel. Dichter Nebel umhüllt die Sippe, sie nehmen sein Gebaren nur gedämpft war. Des Löwen Schauspiel berührt sie nur entfernt.


So zeigt sich der Löwe nicht mehr stolz und majestätisch in seiner Welt. Arg schütter ist seine Mähne, stumpf und glanzlos. Torkelnd schon sein Stand, mit Makeln übersät sein Fell.
Einen Herrschaftsanspruch - den hat er hier nicht. Aber wer hat den schon. 
Und er hat ihn nicht mal mehr innerhalb seines eigenen Dunstkreises.


Sein Sexualtrieb ist nach wie vor unermesslich. Er steigt die Weiber an, langt gerne zu. Es bleibt zu befürchten, dass, bei allem Verlangen, seiner Libido jedoch schon vor langer Zeit der Garaus gemacht wurde.


Immer wieder stößt sein Kopf ruckartig nach vorn. Von weitem könnte man glatt annehmen, er versuche die Zähne zu fletschen. Er prescht nach vorn, spuckt unverständliche Fetzen seinem Gegenüber ins Gesicht. 
Doch durch seinen unsicheren Stand verkommt die Gebärde zur Clownerie. 
Seine fahlen Augen, die nach jeder dieser ruckartigen Ansagen das Weite suchen in diesem wackligen Körper, quälen das Ganze in die Tragödie.


Und das Rudel? Setzt die Flaschen stoisch weiter an den Hals. Schüttet klares, zimmerwarmes Gewässer als Glückstropfen in die Bierflaschen.


Und dem Löwen, dem bleiben ja noch die Frauen.
Ganz gleich ob zwanzig oder sechzig Jahre alt. Man würde wohl einer jeden Unrecht tun, würde man sie schätzen wollen.Und darum geht es auch nicht. Es geht um Öffnungen. Vielleicht geht es auch um Wärme. Oder ums Vergessen. Oder ums nicht Alleinsein. Und immer geht es doch um Liebe. Aber wer weiß das schon.


Der Löwe tanztorkelt mit einer langhaarigen Brünetten. Untersetzte Figur, graues Gewand, Cap auf dem Kopf, den Zopf durch die Schlaufe gezogen. 
Reißt ihr dabei die Gürteltasche von den Hüften.
Triumphierend schließt er den Clip wieder, wie eine Trophäe hält er den geschlossen Gürtel über sein Haupt. Hören kann ich ihn nicht mehr, wahrscheinlich brüllt er. Seht her, ich habe es repariert.


Der Löwe greift der Brünetten herzhaft von hinten zwischen die Arschbacken und knetet in der goldenen Mitte. Hat er sich ja auch verdient.


Was fehlt? Richtig, die Aufmerksamkeit für sein Gemächt. Er schüttelt ordentlich. Zeigt allen, wer hier die beste Rudelnudel in der Jogginghose sein Eigen nennt.
Gut gebrüllt, Löwe.


Das Rudel? Was soll man sagen. Lethargie.
Schon morgen hat vielleicht ein anderer das Glück. Darf der vermeintliche Chef im Ring sein, während der schüttere König seine Wunden leckt, eine Million Schlangen jagt oder noch viel schlimmer: sich den eigentlichen Fragen gegenüber sieht, die im Kopf auf die andere Seite des Dunstes gelangen und den Weg an die Oberfläche finden.


Wenn ich früher in Schockstarre verfiel, sollte ich morgens um 10 Uhr  auf der Straße jemanden mit einem Bier in der Hand gesehen haben, so weiß ich heute eher: die Uhrzeit spielt keine Rolle mehr.
Im Winter gibt es Berentzen Hüttentraum mit Apfel-Zimt Aroma, im Sommer Cooler mit Melonen- oder Caipi-Geschmack. Wenn das Geld dafür reicht. 
Ob der Körper die nötige Flüssigkeit von alldem absorbieren kann?


Ich weiß nicht, ob es schlimmer ist als früher, oder ob ich nur genauer hingucke.


Allday Reality TV. Nur reeller. Authentischer. Und auch nachdem die Bahn losfährt verfügbar. Genauso wie gestern. Und genauso wie morgen.

Sonntag, 26. Juni 2011

peoplewatching #10: der Hunde-Mann.

Der Hunde-Mann und ich, wir kennen uns nun schon seit circa 10 Jahren.
Zumeist morgens, manchmal auch am Nachmittag liefen wir uns, ebenfalls zumeist auf der jeweils anderen Straßenseite, über den Weg.
Nach langer Zeit dieser immer wiederkehrenden Begegnungen, gehörte es schon zur täglichen Gewohnheit, sich zu sehen und man nahm Blickkontakt auf. Denn man erkannte sich ja.
Dies ging über in ein morgendliches Zunicken.
So ging es lange Zeit. Immer hatte er seinen struppigenr, großen, graublonden Hund dabei.
Eine Zeit lang dachte ich sogar, der Hunde-Mann existiere vielleicht nur in meiner Einbildung oder als eine Art Erscheindung, weil den Herren leider niemand sonst kannte und es immer zu recht merkwürdigen Zeiten zu einer Begegnung kam.

Als ich einige Jahre nur noch selten in meinem Heimatort war, geriet mir der Hunde-Mann - und ich vielleicht auch ihm- in Vergessenheit.
Nun sah ich ihn vor einigen Monaten wieder.
Zunächst wieder auf den Gehwegen. Ohne Hund. Dann sah ich ihn allein im Café.
Und an diesem Wochenende fuhr er mit dem Rad an mir vorbei.
Man erkannte sich, jedenfalls denke ich das. Denn mir ging es ja so und warum sollte er mich dann nicht wiedererkennen.
Wir nickten uns zu und ich schickte noch ein Lächeln hinterher. Es wurde herzlichst erwidert.

Manchmal werde ich ganz traurig, wenn ich mir vorstelle, dass der alte Mann vielleicht sehr allein ist. Vielleicht steckt in ihm aber auch eine Seele wie die meine, nur gut 40 bis 50 Jahre älter und das ist alles meistens schon okay so.

Bis heute, nach 10 Jahren des gegenseitigen Erkennens, Zunickens und Zulächelns, haben wir leider nie ein Wort gewechselt.
Was Raum lässt, für viel Nachdenken. Was hinter dem Schweigen für ein Leben steckt. Was für Gedanken. Das ganze ist ein höchst interessantes Gegenübersein und es ist ebenso interessant, ob es wohl dabei bleiben wird, oder es doch irgendwann mal zu einem "Hallo" an der Ampel kommt.

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Dienstag, 17. Mai 2011

peoplewatching #9: Bahnsteig-Blues

Eine halbe Stunde Warterei muss noch gewartet werden und ich bin tatsächlich der letzte Mensch in der Uni.
Naja, zumindest fast. Ein hübsch Bärtiger sitzt gegenüber auf rotem Sofa, ein weniger hübsch Nicht-Bärtiger weit entfernt auf genau solch einer harten Holzbank, auf was für einer sich auch mein Hintern gerade quält.
Neben mir ein Glas von mir ausgelöffelter Schoko-Karamell Pudding. Seine Deko Trauben waren lecker, die 1/8 Deko Pflaume sah zunächst aus wie ein Mini-Wini. War aber doch Pflaume. Gott sei Dank.
Mein Handy hext nicht. Dabei warte ich schon seit Stunden auf eine liebe Antwort auf eine liebe Nachricht.
Der Bärtige kaut, geht vorbei und schaut.
Viel eigentlicher warte ich nicht nur ein paar Stunden, sondern schon viel längere Zeit. Vielleicht sogar mein ganzes Leben. Wie episch.
Hautunreinheiten lieben solche Tage. Bei denen man morgens das Haus frisch gepudert und berouget verlässt und ab dort die Epidermis sämtlichen Radikalen des Alltags frei ausgesetzt wird. An diesen Tagen sieht man am Abend unglaublich beschissen aus. Manchmal auch schon morgens.
Deswegen gehen Bärtige auch nur schauend kauend vorbei und beenden nicht etwa die Scheiß-Warterei.
Der Schoko-Karamell Pudding ist da auch nicht hilfreich. Eher Pfirsiche. Wegen der Pelle. Also der Haut. Also der Vitamine darunter. Pfirsichhaut für Pfirsichhaut.
Puddinghaut für Puddinghaut. Harhar.
Dementoren lieben dieses Wetter. Es ist grau. Es regnet. Glauben die Gestalter tatsächlich rote Streifen machen graue Wänder nebst grauen Himmels erträglicher? Das tun sie nicht einmal nebst blauen Himmels.
Schlimm.
Schlimm ist auch die Warterei.
Die Warterei ist das Schlimmste.

Donnerstag, 7. April 2011

peoplewatching #8: die akademische Milchkuh.

Schlierenwolken altbekannter Tröpfchen wabern, weit vor seiner physischen Ankunft, durch die ohnehin schon durchlässig geöffnete, Tür.

Die unterschwellige Ahnung meiner Nasenhärchen bekommt, mit Eintreffen der akademischen Milchkuh im Mittelpunkt der Komposition aus Projektor, Pult und Tafel, die schrecklich bestätigende Untermauerung.

Meine Augen blicken in das Gesicht eines mittelgroßen, stinkenden, schwitzenden Babys. Gefangen im gedrungenen Körper, dekoriert mit spärlichem Bartwuchs, gezeichnet von rötenden Hautunreinheiten, deren pubertärer Ursprung schon längst ad acta gelegt sein sollte.
Das Glitzern auf seiner Stirn zeugt leider nicht von cullenesker Zauberhaftigkeit, sondern drängt sich uns als Vorhut, als Bestätigung, als optisches Merkmal des von ihm ausströmenden, sirupsüßen Geruchs auf.
Der in diesem Turm gefangene Herr blickt aus wässrig blauen Augen auf uns ein.
Ich bin gefangen in einer Glocke, dunstgefüllt.
Angstschweiß. Treppenschweiß. Baumwollener Polyesterschweiß.
Haut, die ihren ganz eigenen Charakter, auch im Zusammenspiel mit Laugen, nicht mehr hergeben mag, nicht mehr hergeben kann.
Nun bin ich zusätzlich gefangen in der einlullenden Pendelei seines Pendelkörpers.
Vorzurück. Vorzurück. Vorzurück. Wie der Schwänzeltanz.

Man möchte hinaus. Schwer haben es da Kästner, Tucholsky, Remarque und der ganze Rest.
Noch schwerer haben sie es, wird der Schwänzeltanz, wenn doch schon nicht von meditativem Summen, doch vielmehr von einem, sich uns nicht erschließendem Humor in zähen Worten homogener Ausprägung und doch von intellektueller Tiefgründigkeit, begleitet.
Schwer fällt es einem dort, hinter die harte, feste Mauer zu sehen.
Gestank. Gut versteckte Eloquenz. Zu vermissende Ästhetik für das Auge. Homogener, ja um nicht zu sagen, monotoner Wortklang.
Was nimmt man mit? Wer das Durchaltevermögen besitzt, bekommt nicht nur einen besseren Einblick in interessante und konkrete literarische und politische Fragestellungen, sondern übt sich auch noch im Überwinden von Vorurteilen.

Das sollte sich doch lohnen.

Donnerstag, 9. Dezember 2010

peoplewatching #7: 'O loving hate'

Seit zwanzig Minuten sitzt er vor einem Teller mit Entenbrust, Rotkohl, Kroketten und einem Schüsselchen Bratapfeleis.

Er telefoniert, stellt nochmal genauer den Treffpunkt dar und wartet geduldig weitere zehn Minuten.

Ein kleiner Giftzwerg kommt um die Ecke. Sein Gesicht, seine Augen sprechen von großer Verliebtheit. Verklärt schaut er das Hutzelweibchen an, rückt ihm den Stuhl zurecht.

Sie legt ab und macht sich über das Essen her. Eine Krokette in die rechte, einen Haufen Rotkohl in die linke Backentasche gestopft.
Schnell noch zwei verrupfte Stücke Entenbrust hinterher, es könnte ja Platz zum Kauen in der Mundhöhle bleiben.

Auf seinem Gesicht noch immer ein Schleier in rosarot.

Zwischen dem Mahlen ihrer Kieferknochen findet der Gnom Zeit, den Teller zu heben und strafend auf die leere Fläche darunter zu sehen.
Er versteht nicht, sie deutet etwas vehementer mit spitzem kleinen Finger auf: nichts.

Sie schaut ihn an. 
Sprotzt an ihrem Essensbrei ein schnodderiges und herablassendes "Serviette?!" vorbei.
Es wird gemurmelt und gemeckert, an eine Serviette hat Hans im Glück nicht gedacht. Angst glitzert in seinen Augen.

Sein Arm liegt über die ganze Dauer des Fraßes beschützend und bewahrend auf ihrer Stuhllehne.
Irgendetwas muss an ihr, in ihr sein, was dem Rest der Welt so erstmal verborgen bleibt.

Zwanzig Zentimeter davor bin ich Zeuge dieser rührseligen Szene. Ich greife in meine Tasche, reiche ihr wortlos, aber mit einem Lächeln ein Taschentuch.
Bei ihrem Blick glitzert mir die Angst in den Augen. Trotzdem wischt sie sich wortlos das Fett aus dem Gesicht.
Ihn anzuschauen, das traue ich mich nicht so recht.

Das Schlingen ist beendet. Ich lutsche indes noch auf meinem Bratapfeleis herum.

Der Abgang ist kühl.
Sie geht ohne weitere Kontaktaufnahme drei Schritte voraus. Er stolpert hinterher, nimmt allen Mut zusammen und schafft es noch sich kurz umzudrehen.
Er flüstert ein gehauchtes "Danke".


Sonntag, 24. Oktober 2010

peoplewatching #6: Nagelpfeilen - Kastrationen

Tolle Ideen, um ein gesellschaftliches, herzliches und soziales Miteinander zu gestalten und voranzutreiben, finde ich große Klasse.
Eine ganz wundervolle Einrichtung der Art sind in der Regel Mitfahrgelegenheiten. Man lernt zumeist nette, interessante Menschen kennen, kommt einfach von A nach B und spart dabei noch Umwelt und Geldbeutel.
Eine gute Idee für eine soziale Welt – wenn es nicht auch hier asoziale Arschlöcher gäbe.
Ich finde sie so oder so schon total unarsch, diese Mini-Schwanzträger (sicherlich)mit Gruppenticket, deren erste Frage bei deinem Anruf lautet: „ Welche Uhrzeit meinst du denn?“.
Dahinter steckt nämlich nicht der reine Wille nach Information, etwa weil der Karteninhaber am Morgen zum Ziel und am Abend wieder heim fahren würde.
Nein, es gibt tatsächlich Menschen, die mit dem Prinzip der geteilten Ressourcen Kasse machen.
Zunächst ist dies vielleicht nicht verboten. Und man halte mich für ein idealistisches Naivchen – aber ich finde das total ungesellschaftlich und absolut unmoralisch.
Denen ist es scheißegal, ob diese Art der Fortbewegung die Umwelt schont, im idealsten Fall den Horizont erweitert oder einfach nur eine Hand die andere wäscht.
Die sind einfach nur daran interessiert, ihre eigene schmutzige Hand gewaschen zu bekommen.
Und einen Kniefall erwarten sie noch dazu, weil sie ja ganz pfiffige Geschäftsmänner sind und die Bahn ja selbst schuld ist, wenn sie solche Möglichkeiten bietet.
Zum Kotzen. Asozial.


Es ist nett, dass diese Typen der Bahn ein Schnippchen schlagen und arme Menschen so davon profitieren? Ha, von wegen, der Knaller kommt ganz am Schluss.


Und seit diesem Wochenende hasse ich sie noch ein Quentchen mehr.
Nicht mit diesen Würmern zu fahren, hatte ich mir sowieso schon insgeheim vorgenommen. Da ich aber nicht viel Zeit hatte und die benötigte Uhrzeit nur so vertreten war, biss ich in den sauren Apfel.
Ich teilte dem MFG-Schmarotzer mit, dass mein Zug erst zwei Minuten nach der geplanten Treffzeit eintreffen würde, ich also 3-5 Minuten später käme. Er sagte, das sei völlig okay.
Renn ich also wie eine Irre durch den überfüllten Bahnhof um natürlich niemanden mehr anzutreffen. Genug Zeit, um den Zug noch zu bekommen, wäre gewesen. Ruf ich den Kerl also an, damit der mir sagt:


„Ja, du bist zu spät.“
„Ja, aber das habe ich dir doch gestern erklärt und du meintest, geht klar, ist eingeplant?“
„ Jab, aber ich habe mit 3 Minuten gerechnet.“
„Ja, aber ich habe dir doch gesagt, wann mein Zug eintrifft. Natürlich muss ich dann noch zum Treffpunkt kommen!“
„Ja, aber dann habe ich noch jemanden gefunden und wir waren voll.“


Ja, fick dich. Arschloch.


Am Ziel in Hamburg angekommen spielten meine Freunde dann großer Bruder und haben den Wurm am Rückfahrtstag - entgegen der zunächst angesetzten Planung, ihn mit einer Nagelpfeile zu kastrieren – nur herzlich verarscht.
So riefen sie ihn an, um zwei Plätze zu belegen. Spontan sollte dann noch ein dritter dazukommen.
Da meinte der doch glatt:
„Ja, kein Problem – ich sag dann einer anderen einfach ab.“


Damit der statt einem Fünfer, lieber gleich drei abkassiert.
ALTER! Das arme Mädel war vielleicht nur unterwegs, da kann doch keiner mehr 3 Stunden vor Abfahrt mehr ein Weiterkommen garantieren.
Das nur dazu, dass die doch den Suchenden eine tolle Sache ermöglichen.....




Mitfahrgelegenheits – Gelegenheitsdazuverdiener:




#Nutzen aus was ausnutzbar ist, weil die reine Möglichkeit besteht.


#Können gar keine Freunde haben.


#Verlangen IMMER ein Glas Leitungswasser zum Kaffee. Aus Prinzip.


#Haben alle kleine, krumme, bis gar keine Penaten.


#Essen beim „All-you-can-eat“ bis sie kotzen. Aus Prinzip.

Montag, 18. Oktober 2010

peoplewatching #5: Anti-Fetisch

Die Sache mit den Ohren.


Nein nicht Titties – ich meine wirklich Ohren. Dies ist wahrscheinlich einer der unbedeutendsten Texte, der momentan schreibbar ist – darüber hinaus wurde über Problemzonen schon viel berichtet. Aber der Ablenkung willen und um ein späteres Trauma zu vermeiden, findet er trotzdem Verewigung.

Es wurde schon viel über abartige Deformierungen des menschlichen Körpers sinniert. Nun möchte ich wirklich nicht oberflächlich erscheinen. Ganz im Gegenteil, ich bin eine große Verfechterin der „Scheiße, macht dein Charakter dich hässlich“ – Haltung.

Es geht auch gar nicht darum, dass eine Abnorm bei einem Menschen dazu führt, dass ich den nicht mehr mag. Wenn es ein sehr netter Mensch ist, muss ich mich nicht mal davor ekeln. Da geht es mehr um solch unfreiwillige Begnungen im Kino oder Zug. 
Und wenn dann noch einiges zusammen kommt, so wie Arroganz und fettige Haare und dann noch der Grusel-Factor X einem in die Glieder fährt – also, in die Augen sticht...dann ist mir einfach nur buuääääähhhbrrrr zumute.

Was finden andere Menschen so abartig aka unattraktiv aka geht gar nicht?
Füße sind sehr beliebt. Runzlige Kniekehlen. Klumpige Nasen. Knochige Finger. Zu kleine Augen. Zu enge Augen. Dinge, die ich nicht aussprechen mag.

Hm.....aber bei einem schönen Menschen, so finde ich jedenfalls, können solche Makel die Person nur noch mehr „Hach“ und liebenswürdiger machen – manchmal ergattern sie sogar nur wegen z.B. eines leicht schiefen Mundes das Attribut „Anbetungswürdig“.
Bei Frauen bin ich da manchmal auch noch toleranter als bei den Herren.

Was aber giga-gar nicht geht. Überhaupt nicht. Ich meine, ganz im Ernst! Stellt euch vor, was immer ihr so heiß findet. Jared Leto. Matt Czuchry. Meinetwegen auch Brad Pitt. Ganz egal. Jeder dieser Herren würde wahrschenlich wenig seiner Sexyness einbüßen, wenn das linke Nasenloch größer als das rechte wäre. Oder die Lücken zwischen den Zehen überdimensioniert.

Aber wo sich bei mir ganz persönlich die Zehennägel aufrollen, ist wenn der Herr Schmonzette einen akuten Fall von „Feivel – der Mauswanderer“ – Ohren aufweist!









Totaler Quatsch? Sure, aber jeder braucht doch einen Spleen.

Und wenn Ohren so oben an der Muschel nicht geschlossen sind, wie es doch eigentlich normal ausschaut, dann kriege ich unschöne Gänsehaut und es schüttelt mich. Wenn dann der Rand noch so abgefressen aussieht und am Besten noch leuchtend rot hervorsticht...Boah. Dann seh ich nix anderes mehr als Ohren.
Sowas kann man doch nicht...anfassen, geschweige denn mit Küssen...STOP, das geht zu weit. Buah.



Was fast genauso schlimm ist, sind Ohren die fast am Kinn angewachsen sind. Wenn sie dann noch seit der Geburt ihre Größe nicht verändert haben....Grusel.



UND! Schlabbrige Ohrläppchen. Leblos. Und Tellergroß, dass da ein ganzes Deckenfresco raufpasst. Das ist fast noch schlimmer, als Mäuseohren.




Total albern und Weltunbewegend? Ja, sicher. Aber nach dem heutigen Montag brauchte ich so eine anspruchslose Freakshow der Eitelkeiten.
Und achtet mal drauf, Ohren sind fast so was wie Fingerabdrücke. Keines gleicht dem anderen. Schlimmer geht immer. Die Interpretationsmöglichkeiten sind schier endlos.
Und man bedenke, dass die Dinger nie nicht aufhören zu wachsen........









Donnerstag, 30. September 2010

peoplewatching #4: Der Engel mit der Axt

Beobachtung:

Mein Blick ist aus der Bahn gerichtet auf den - normal für einen Sonntagnachmittag - normal verschlafenen Gehweg in der City.
Ein Bilderbuch-Obdachloser steht vor einem Schaufenster. Er trägt grünen Parka, einen kleinen Bauch und grauen Urwald aus langen Haaren und zotteligem Bart. Hinter ihm deponiert, stehen offensichtlich seine 'Aldi'- und irgendeine andere Tüte. Und jetzt wird es einigermaßen bemerkenswert.
Das Schaufenster vor dem er steht, gehört einem Berufsbekleidungsgeschäft. Die Auslage die er näher betrachtet ist die eines Zimmermannes. (Hallo Jesus?) Der Bärtige schaut sich die Auslage nicht nur an, er fotografiert sie. Mit einer dieser nagelneuen Kameras zwischen Spiegelreflex digital und Compactcam.
Die Bahn fährt wieder an.

Es hat mich so sehr in meinem Hintern gejuckt, aus der Bahn  zu springen und mit ihm zu reden.
Ich hatte gleich mehrere Gedanken, die mir Anstöße zu kleinen Episodengeschichten gegeben haben. Freue mich schon auf einen Nachmittag, an dem ich Zeit habe, die Gedanken zu formulieren...

Montag, 27. September 2010

peoplewatching #3: Stellerchen

Strumpfhose und Wollsocken an, Schal und Mantel umgeschnallt, Kapuze auf dem Kopf und Musikknöpfchen im Ohr: 
so ausstaffiert trotze ich dem kalten und nassen End-September-Wetter, dass ich sowieso ganz wundervoll finde. Tori Amos zwitschert mir ins Ohr, während ich über Kies und das erste Herbstlaub knistere.

Ich muss mich wie immer daran erinnern, dass mich die Menschen um mich herum sehr wohl hören können, wenn ich wegen des MP3-Players noch tauber als sonst, lauthals mitsinge. Das funktioniert nicht mehr so wie früher, als man sich einfach die Hände vor die Augen hielt, wenn man für die Welt unsichtbar sein wollte. Sehe ich dich nicht, siehst du mich nicht.
Es könnte zwar auch irgendwie ganz putzig und herzallerliebst sein, wenn eine Mittzwanzigerin (bin ich das noch?) selbstvergessen in der Bahn losposaunt. Nicht aber bei mir...dazu singe ich zu schräg. Leider.

Tori´s sphärisch bodenständige Musik hat mir schon oft meinen Tag gerettet und mich durch die Stimmungen getragen. Ich bin wirklich glücklich, dass ich sie als Souvenir aus meiner bisher längsten Beziehung mitnehmen durfte.

Sie ist eine der schöneren Überlebenden, wenn nicht die wertvollste, die aus Männergeschichten entstanden sind, mir ans Herz gelegt oder vorgestellt wurden und mich viel länger als die Bettwärme der verflossenen Liebschaft begleiten durfte.

Die meisten Überlebenden sind Fressalien. Seitdem ich das erste Mal verliebt war zum Beispiel, finde ich Senf auf Käse supergeil. Und obwohl ich nicht so die Süßigkeiten-Addict bin, darf´s seitdem nach dem Essen auch gerne mal Schoki sein.
Das war mehr als ein Jahr Pflicht bei meiner Big Love No.1. Ein paar Kilos zuviel zählten dadurch auch zu den mitgenommenen Hinstellerchen, die gute 3 Jahre brauchten, ehe sie sich verstaubt wieder verabschiedet haben.
Nach einer darauf folgenden eher frustrierenden Affäre, konnte ich meine heißgeliebte Jasmin Tabatabai Scheibe lange Zeit in die Ecke pfeffern. Auf langen Wegen mit dem Überlandbus in die Pampa, habe ich die rauf und runter  gehört. Als es mit Mr. 20 cm dann nach ein paar Wochen aus war, hat mir die Musik nur noch schlechte Laune gemacht.
Kakao zum Frühstück hat nicht lange angedauert, dafür habe ich als Stalking Opfer zunächst bei jedem anfahrenden rote Kadett einen Sprung in die Büsche gemacht und schließlich die Stadt verlassen.

Parallel zur längsten Liebe überdauern auch die Souvenirs daraus nachhaltig. Hier wurde ich mit Kaffee angefixt. Und ich meine Kaffee, und keinen Latte-DoubleChoc-Caramel-Mintflavoured Kram. Den mag ich ab und zu zwar auch, aber ohne Kaffee geht gar nichts mehr. Ich kriege ohne die alltägliche Koffeindosis Kopfschmerzen, schlechte Laune und die Klütschen gar nicht erst richtig auf.
Und nach durchknutschten Nächten im Auto mit ziemlich passender musikalischer Untermalung gehört die Amos eben zu meinen Lieblingen. Dafür bin ich wirklich dankbar.
Zum Ende dieser Liebe verlor ich dann auch endlich die überschüssigen und noch ein Paar mehr Pfunde.

Als Single pflegt man dann ja mehr seine eigenen Marotten.
Ob dann aber 100jährige Beziehungen gleichbedeutend mit Stillstand, da keine neuen Stellerchen mehr auf dem Weg ins Regal sind, gilt es noch rauszufinden und ist letztendlich ja auch jedem selbst überlassen und beeinflussbar....

....denke ich mir so und trete wieder hinaus auf die herrlich verregnete und graue Straße.

Freitag, 17. September 2010

peoplewatching #2B : Blumen aus Thüringen, Teil I








Es begab sich zu einer Zeit, da war ich wieder zurück in meiner Heimatstadt. Hier hatte ich nach ein paar Wochen genug vom Nebenbei-Kellnern im Asi-Eiscafè und suchte mir eine andere Stelle in einem hübschen, neuen, wahrscheinlich von irgendeiner unterirdischen und undurchsichtigen Organisation, gedopten Restaurant.


Manchmal hat man da Glück und neben ekligen Stammgästen, die jeden Nachmittag auf ein Bier vorbeischauen und außer einem vollgeschissenen Klo nicht viel Eindruck hinterlassen, darf man auch mal einer Sahneschnitte seine "Penne Lauch" bringen.

Von der Theke aus konnte ich bereits einige Wochen jemanden beobachten, der regelmäßig kam und sich durch die Speisekarte futterte. Meine Kollegin machte mich auch auf ihn aufmerksam, er hatte des Öfteren mal rübergeschaut und machte ganz offenbar einen Single – Eindruck. Allerdings nicht auf diese verträumte Art & Weise, mit der ein geheimnisvoller Mann mit Notizblock unter dem Arm eine gewisse Anziehungskraft ausüben  kann. Er hatte in seinem teuren Anzug und mit der Kastenbrille er die Aura eines Patrick Bateman.

Wenn ich jetzt noch mal so drüber nachdenke, war es eigentlich total lebensmüde, welche Rolle ich im weiteren Verlauf der Story spielte. Da kann man mal sehen, in was für gefährliche Situationen sich so manche Singlefrau begibt, nur um den eventuellen Heiligen Gral nicht aufgrund unbedeutender Kleinigkeiten, wie etwa hässlichen Ohren oder einer zu hohen Leberfleck-Frequenz nicht vorbeiziehen zu lassen....brrrrr....gruselig.
Es kam also, wie es kommen musste. Meine werte Kollegin überließ mir den Tisch mit dem unheimlichen Brillenträger und wir flirteten im Laufe einiger Abende sehr oberflächlich und sehr unbedeutend. Eben eher so auf Kellnerinnenniveau.

An einem dieser Abende war ich mit Bateman etwas im Gespräch vertieft, als er plötzlich persönlich wurde.

„Das klingt jetzt vielleicht etwas komisch, aber ich wollte Sie etwas fragen....“,

 sprach er. Mittlerweile wusste ich, dass er beruflich neu in der Stadt und außer Arbeitskollegen – die meisten schon mit Familie und daher nicht sehr interessiert an weiterem Freizeit-Kontakt mit einem Endzwanziger – ohne viel Kontakte war. 
Nun sei es so, fuhr er fort, dass ein Arbeitskollege demnächst heirate, er eine +1 Einladung habe und auch nur sehr ungern allein zu diesem Fest gehen würde. Ob ich ihn nicht vielleicht zu der Hochzeit begleiten wolle?

Oh je.....

Das brachte mich irgendwie in Schwulitäten
Ich wusste bereits, dass ich Mister American Psycho auf keinen Fall im erotischen Zusammenhang daten wollen würde. Andererseits, würde es auch unangenehm sein, abzulehnen. Zumal ich ja wusste, dass die arme Wurst total allein hier war und ich ihm auch nach einer Absage weiterhin sein Steak bringen würde müssen...
Und letztendlich bin ich schon immer so dankbar, wenn ein Mann an mir Interesse zeigt, dass ich seit jeher aufpassen muss, ob ich selbst auf die Idee kam den Herren anbetungswürdig zu finden oder aber nur aufgrund der Zuneigung meines Gegenüber aus lauter Dankbarkeit, dahinschmelze....

Ich erbat mir etwas Bedenkzeit („Da muss ich erst in meinen Kalender schauen...“), sagte am Ende aber doch zu. Nahm es als Übung für mein noch immer hin und wieder auftretendes Problem mit unbekannten Situationen. Vielleicht würde es ja auch total witzig werden und außerdem, sagt man nicht immer, auf Hochzeiten lernt man am Schnellsten Männer kennen? Das wäre zwar wiederum mehr als unhöflich meinem kleinen Psychopathen gegenüber....aber immerhin sollte für mich ja auch etwas dabei rausspringen...

Ob ich keine Angst hatte, als Fall bei Akte XY  "Grausiger Fund:abgetrennte  Damenextremitäten in Gefriertruhe entdeckt "  zu enden? Naja, man kann ja auch nicht in jeder alleinstehenden Person eine tatsächliche und nicht nur zusammen gesponnene Gefahr sehen. Dann enden wir ja alle einsam.

Um sich vorher etwas besser kennenzulernen, schlug er vor, wir könnten ja mal gemeinsam was trinken gehen. Na gut, also...stürzte ich mich ein kleines Abenteuer...

Fortsetzung in Teil II...

peoplewatching #2A : Blumen aus Thüringen, Teil II











Gentlemanlike, wie Psychopathen üblicherweise sind, holte mich der Gute eine Woche später ab. Vorausschauend wie ich es bin, wartete ich natürlich nicht zu Hause, sondern an einem anderen Ort. Mindestens drei Personen wussten, wo ich mich aufhielt und mit meiner Freundin waren Kontrollanrufe vereinbart.

Herr Bateman aus Thüringen fuhr einen dicken schwarzen BMW. Mit Sitzheizung. Iiih. Männer mit dicken Autos üben auf mich ja seit jeher viel weniger Attraktivität aus, als Männer in abgewetzten Kadetts, muss ich dazu sagen. Liegt vielleicht an meiner ersten großen Liebe, dessen matschgrauer (das Fabrikat habe ich vergessen) Wagen seine besten Jahre schon hinter sich hatte und in dem wir, mit der Hitze unseres jugendlichen Atems, unsere eigene Lüftung waren. Und das war total egal, schließlich war man fast schon verliebt.

Ich wurde also abgeholt, mit pipiwarmer Sitzheizung und heller Lederausstattung beeindruckt und wir fuhren zunächst für Bier, Salat und Pasta und später dann Kaffee an die Weser .
Die Alarmglocke schrillten wieder...Der Herr fragte, was ich denn gewählt habe und bestellte beim Kellner für mich mit!!!!
War vielleicht Oldschool-höflich gemeint, ich fühlte mich aber wie Barbie im Elektrofachhandel. Und die Schiene wurde weitergeführt .
Volle Kanone Jacke abnehmen, Stuhl zurechtrücken, Tür aufhalten, gepflegte Konversation und und und.
Ich steht zwar schon drauf, wenn Männer mit Gabel und Messer umzugehen wissen, aber in diesem Falle war all das, in Kombination mit seinem unterschwelligen Thüringer-Akzent, einfach nur zuviel und brechreizauslösend.

Und dann wurde mir inmitten seines Monologs und meines regelmäßigen Kopfnickens und sinnvoll eingestreuten „Mhmh..mhmh..“ Feedbacks schlagartig bewusst: ich habe es mit dem heutigen Tag ja gar nicht überstanden! FUCKING SHIT, da war ja noch was!
Tja, und da er wusste wo er mich finden kann, wann ich mich nach Ladenschluss allein auf den düsteren Heimweg begebe und ich es einfach nicht über´s Herz bringen konnte, mit irgendeiner fadenscheinigen Ausrede abzusagen...ging es tatsächlich noch zu einer typisch deutschen Hochzeit in einem typisch dorfigen Landgasthaus. Keine Möglichkeit zur realistischen Flucht auf viel zu hohen, viel zu unbequemen Schuhen.

Wieder zwei Wochen später wurde ich im einnässungsangstauslösenden Wagen abgeholt und bekam einen kleinen Strauß Blumen in die Hand  und ein Kompliment, ob meiner Erscheinung auf die Ohren gedrückt. Ich wollte weinen....
Wie lange konnte das dauern? Eine Stunde Fahrt, Begrüßung und Gratulation an das unbekannte Brautpaar, diverse Ansprachen und Spielchen.
Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch, Kaffee und dann noch ein bisschen....oh scheiße.
Mir brach der kalte Schweiß aus.
Ich vergaß...das Tanzen. Verdammt. Ich kann doch gar nicht tanzen!!! Okay, ein paar Jahre klassisches Ballett, viele viele Jahre tänzerisch-kompositorischer Leistungssport, Arschwackelei zu Shakira und mehr....das geht klar. Aber nie nicht habe ich einen Tanzkurs gemacht.
Mit meiner bereits erwähnten ersten großen Liebe, bezeichnenderweise lernten wir uns bei einer Hochzeit kennen – Ha.Ha. – brachte ich die Schmach damals mit zwei Schritten rechts, zwei Schritten links einigermaßen unpeinlich über die Bühne. Aber wir mochten uns ja auch.

Tja, ich kam nicht drumherum. Und wie ich so ein Hochzeits-Gediscofoxe hasse. Ich bekomme da wirklich Zustände. Musik und Tanzen ist für mich ein künstlerisch, emotionaler Ausdruck und dieses steife im-Kreise-drehen ist mir einfach so was von zu Wider.
Um es auf den Punkt zu bringen: es war einfach ein schrecklicher Abend. Ganz furchtbar. Warum ich mir so was antue? Einige Freundinnen sagen mir heute, ich sei immer noch solo, weil ich viel zu früh K.O. Kriterien ansetze und nicht „offen“ genug sei. Aber ich finde, ich habe mir diese Haltung mit einer Reihe furchtbarer Verabredungen auch verdient.

Ich muss das Gespräch aufrechterhalten? Es gibt einfach keine intelligenten Konter?
(Selbst-)Ironie und Sarkasmus ist ein Fremdwort? Er hört sich zu gern selbst reden? Die Ohren sehen besorgniserregend aus? Informatiker oder Saunafachverkäufer? EQ und Empathie nicht vorhanden? „Becks Lemon“ Trinker? Bei 6 von 10 Punkten kann man“trifft zu“ ankreuzen? Nein danke, „Wir machen heute Mädelsabend“.

All das ist einfach nur nach zu vielen schlechten Dates ausgetüftelt. Alles andere wäre Zeitverschwendung.

Das alles ist natürlich erstmal schnurps, wenn man einfach direkt einen Draht zueinander findet, das ist ja klar... So ist es ja nun nicht, dass ich da erst mal eine Liste abarbeite.
Aber bitte.
Habe ich erwähnt, dass Mister Patrick Bateman eine Leidenschaft für Roséwein hegte?  Nein? Also wirklich, ein Mann der öffentlich Roséwein trinkt und das auch noch geil findet. 


In der tiefen norddeutsche Pampa drückte ich eine Gabel Kaisergemüse in Hollandaise am Klo in meinem Hals vorbei....
  

Dienstag, 14. September 2010

peoplewatching #1 : Where´s your hair, bro´?

Da gebe ich mich schon zufrieden, mit dem hässlichsten der Kerletruppe zu reden – nett, oder interessant, können ja oder auch gerade die sein – und dann entpuppt sich Mister per SMS „Bist du eigentlich in Community XY“ auch noch als ein Exemplar der unheimlichen Sorte.


Dabei muss ich ihm ja zu Gute halten, dass er anfangs gar nicht unbedingt „hässlich“ war, seine Kumpels waren einfach nur hübscher. Aber eben auch mehr an meinen Freundinnen interessiert. Als Übriggebliebene – bezeichnenderweise waren wir auch die einzigen Singles der Runde – kamen wir dann notgedrungen ins Gespräch. Ging dann aber auch so in Ordnung.


Doch dann: die Horde folgte uns, wahrscheinlich in der stillen Hoffnung auf ein späteres Aneinanderreiben, vom Pub / Ort des Kennenlernens in den Tanzschuppen, wo besagter Mister seine Mütze abnehmen musste – weil heiß und so.


Nicht so schlimm, als hätte er seine Hose ausgezogen, um in Shorts zu tanzen - doch gibt es da die Mützensache.


Die Mützensache bei Kerlen, verhält sich zumeist in etwa so zur haarigen Realität, wie der gepolsterte Push-Up BH zur Uschi-Normalverbraucher Titte.
Sieht manch ein Typi also zunächst, nicht selten erst recht wegen etwaigen Kopfbedeckungen, wahlweise umwerfend verrucht, dandymäßig geheimnisvoll oder kreativ verknuddelt aus und setzt das Teil dann ab...Uuuh.
Ohne Wollstricknüsschenwärmer bleibt von Dandy-Andy meist doch nur Elektronikfachverkäufer Stefan M. (oder in diesem speziellen Fall: Saunafachverkäufer, gibt es anscheinend tatsächlich und ist sicherlich so spannend wie es klingt). Dieser kommt dann im Komplettpaket mit fliehendem Haaransatz, im schlimmsten Falle noch gekrönt von zählbaren blonden Strähnchen.


Ein solches Unikum hatte ich mir da dann unfreiwillig geangelt. Da meine Mädels schon heftig turtelnd mit den schöneren Ausgaben auf die Tanzfläche stolperten und auch weil zwei Stunden Verstecken auf dem Klo extrem unhöflich und super oberflächlich gewesen wären, wagte man also das ein oder andere Tänzchen. So gelähmt war ich dann doch nicht. Aber oh Graus, als hätte ich es nicht schon ahnen können, stand natürlich Dorfhochzeits-Foxtrott-Dancestyle auf dem Programm mit dem Saunafachverkäufer.
Aber alles befand sich noch im Level „ertragbar“, speziell in Anbetracht meiner bald eintretenden Revirginisierung.


Brav erzogen wie der Saunaverkäufer war, fragte er am Ende des Abends nach meiner Nummer. Brav erzogen wie ich es bin, gab ich sie ihm.


Was folgte ist altbekannt, SMS hin und her, blablabla. Was dann folgte eher Nuller-Jahre typisch: Das Befreunden im Online-Netzwerk.


Und hier wird es spannend, oder auch typisch männlich.
Der Gute befreundete mich, schaute meine Seite an (nicht inkognito), ich schrieb eine Nachricht und dann....Nichts.
Ich schrieb noch eine Nachricht ‚Haha, wie doof, gucken, aber nicht grüßen, blabla’. Und wieder ein Gucken und: Nichts.


Darauf folgte so ungefähr monatlich ein Besuch seinerseits auf meinem Profil. War mir zu doof, also Entfreundung. Man will ja ergebnisorientiert Nummern verteilen in meinem Alter und sich nicht so eine Flitzpiepe anklotzen. Und was folgte war: weiterhin ein monatlicher Besuch.


Ganz ehrlich, das finde ich so strange:D. Warum macht mann so was?
Vor allen Dingen: ist ja nicht so, dass man den Mister so heiß gefunden hätte – da wurmt es einen ja fast noch mehr, wenn man selbst anscheinend genauso uninteressant sein soll.
Keine Ahnung ob sich da eine Kopfbedeckungtragende Feldstudie lohnt...