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Freitag, 30. März 2012

Oh Sigmund.

Heute Nacht wurde mir meine Seele offenbart. Sie ist alt, verstaubt, mit viel Plüsch, eine Mischung aus unheimlich und gemütlich und schläft im hässlichsten Zimmer auf dem Sofa. Außerdem wohnt sie in Worpswede. Aber sie hat einen hauseigenen Candyshop. Allerdings nur Kohleöfen, in mehreren Küchen mit wiederum großen Esstischen. Das ist wieder schön.

Ich habe geträumt. Von einem Haus am Wasser. Ein hässlicher 60er Jahre Bau in pastellgelb mit bröckelndem Putz. Dahin bin ich umgezogen. Warum, hat sich mir nicht so recht offenbart.

In diesem Kleinod des schlechten Geschmacks verbarg sich ein Möbelfundus der Jahrhundertwende, davon vollgestopft bis unter die Ziegel. Mit allem was man sich vorstellen kann. Kohleöfen, Blechdosen, Polstern, Bildern, Puderdosen, Porzellan.... Vieles war scheußlich, angsteinflößend. Besonders in der Masse. Aber natürlich war manches auch recht hübsch.
Herumgeführt haben mich zwei Damen. Gewohnt haben dort noch viele andere Menschen. Meist im Studentenalter. Pärchen und Alleinstehende. Aber keine alten Menschen. Irgendwo, in einem Buch oder an einer Tafel, wurde ein blonder Student ausgewiesen. Literatur und Literaturtheorie. Und noch irgendwas, das habe ich vergessen.
Ich war nicht auf dem Dachboden, es gab keine Bibliothek. Im Gegensatz zu meinen früheren Hausträumen.

Mein Schlafzimmer glich eher einer Stube. Mein Bett war ein überzogenenes Samtsofa in grün. Klassisch. Daneben stand ein altes Federgästebett. Darauf bin ich umgezogen. Im Gegensatz zu den anderen Schlafzimmern war meines aber eher eine Kaschemme.

Das Haus stand in Worpswede. WTF.

Donnerstag, 9. Dezember 2010

peoplewatching #7: 'O loving hate'

Seit zwanzig Minuten sitzt er vor einem Teller mit Entenbrust, Rotkohl, Kroketten und einem Schüsselchen Bratapfeleis.

Er telefoniert, stellt nochmal genauer den Treffpunkt dar und wartet geduldig weitere zehn Minuten.

Ein kleiner Giftzwerg kommt um die Ecke. Sein Gesicht, seine Augen sprechen von großer Verliebtheit. Verklärt schaut er das Hutzelweibchen an, rückt ihm den Stuhl zurecht.

Sie legt ab und macht sich über das Essen her. Eine Krokette in die rechte, einen Haufen Rotkohl in die linke Backentasche gestopft.
Schnell noch zwei verrupfte Stücke Entenbrust hinterher, es könnte ja Platz zum Kauen in der Mundhöhle bleiben.

Auf seinem Gesicht noch immer ein Schleier in rosarot.

Zwischen dem Mahlen ihrer Kieferknochen findet der Gnom Zeit, den Teller zu heben und strafend auf die leere Fläche darunter zu sehen.
Er versteht nicht, sie deutet etwas vehementer mit spitzem kleinen Finger auf: nichts.

Sie schaut ihn an. 
Sprotzt an ihrem Essensbrei ein schnodderiges und herablassendes "Serviette?!" vorbei.
Es wird gemurmelt und gemeckert, an eine Serviette hat Hans im Glück nicht gedacht. Angst glitzert in seinen Augen.

Sein Arm liegt über die ganze Dauer des Fraßes beschützend und bewahrend auf ihrer Stuhllehne.
Irgendetwas muss an ihr, in ihr sein, was dem Rest der Welt so erstmal verborgen bleibt.

Zwanzig Zentimeter davor bin ich Zeuge dieser rührseligen Szene. Ich greife in meine Tasche, reiche ihr wortlos, aber mit einem Lächeln ein Taschentuch.
Bei ihrem Blick glitzert mir die Angst in den Augen. Trotzdem wischt sie sich wortlos das Fett aus dem Gesicht.
Ihn anzuschauen, das traue ich mich nicht so recht.

Das Schlingen ist beendet. Ich lutsche indes noch auf meinem Bratapfeleis herum.

Der Abgang ist kühl.
Sie geht ohne weitere Kontaktaufnahme drei Schritte voraus. Er stolpert hinterher, nimmt allen Mut zusammen und schafft es noch sich kurz umzudrehen.
Er flüstert ein gehauchtes "Danke".


Freitag, 1. Oktober 2010

Nymphenmonologe

frei nach Teenietext von 2004.

Manchmal da sitzen wir. Sitzen einfach nur.
Auf dem Sofa. Auf einer Wiese. In der Badewanne.
Auf dem Klo.
Wir sitzen einfach nur da und gucken durch die Wand.
Es gibt dann Momente, in denen stehen wir auf, gehen weiter. Gehen aus dem Haus.
Laufen nackt die Straße entlang.
Im besten Falle bekleiden wir uns vorher.
So wäre es gut. Denken meist die anderen.
Das wäre die eine Möglichkeit.
Doch es gibt ein Aber.

Aber manchmal bleiben wir auch sitzen. Und werden gezwungen miteinander zu reden.
Manchmal ist es dann wie auf der Autobahn.
Viel. Schnell. Grau. Grell.

Dann brechen manchmal alle Dämme. Dann rinnt es durch unsere Finger an unseren Armen entlang.
Warm rinnt es am Hals herunter. Auf dem Weg erkaltet, vorbei am Herzen, das uns bis zum Zäpfchen klopft. Knallt. Raus will. Schreien und Weinen.
Ob es wohl mit will?

Läuft weiter über unseren bebenden Brustkorb, am Bauch vorbei. Bis es uns vollkommen umhüllt.
Einen kurzen Moment dann geht das Licht aus, wir drücken unsere Hände gegen unsere heißen Schläfen. Wir sind umhüllt von einem Meer aus Tönen, die unser Trommelfell durchbohren. Öffnen unsere Lippen, trauen uns aber nicht zu atmen. Wir schreien uns gegenseitig an.

         All that I want...
                                                      And into your heart…
                  Laugh can hurt…
                                                               My tummy is crying…

Irgendwann, nach dem Bruchteil einer Sekunde, nach 124 Jahren, öffnen wir unsere Augen.
Unser Herz rast, bohren unsere Zähne in unsere Zunge, wir beißen uns fest. 

Noch kurz, wir bleiben stehen, blicken in den Spiegel.
Kann man nicht richtig erkennen, was und wer da blickt.
Lächeln wie irre um kurz danach klares kaltes Wasser in unser Gesicht zu schmeißen.
Wir gehen. Ziehen uns vorher an.
Es hat niemand gemerkt. 
Und zack bumm, Grinsebacke.

„Bei euch alles okay?“

Freitag, 17. September 2010

peoplewatching #2B : Blumen aus Thüringen, Teil I








Es begab sich zu einer Zeit, da war ich wieder zurück in meiner Heimatstadt. Hier hatte ich nach ein paar Wochen genug vom Nebenbei-Kellnern im Asi-Eiscafè und suchte mir eine andere Stelle in einem hübschen, neuen, wahrscheinlich von irgendeiner unterirdischen und undurchsichtigen Organisation, gedopten Restaurant.


Manchmal hat man da Glück und neben ekligen Stammgästen, die jeden Nachmittag auf ein Bier vorbeischauen und außer einem vollgeschissenen Klo nicht viel Eindruck hinterlassen, darf man auch mal einer Sahneschnitte seine "Penne Lauch" bringen.

Von der Theke aus konnte ich bereits einige Wochen jemanden beobachten, der regelmäßig kam und sich durch die Speisekarte futterte. Meine Kollegin machte mich auch auf ihn aufmerksam, er hatte des Öfteren mal rübergeschaut und machte ganz offenbar einen Single – Eindruck. Allerdings nicht auf diese verträumte Art & Weise, mit der ein geheimnisvoller Mann mit Notizblock unter dem Arm eine gewisse Anziehungskraft ausüben  kann. Er hatte in seinem teuren Anzug und mit der Kastenbrille er die Aura eines Patrick Bateman.

Wenn ich jetzt noch mal so drüber nachdenke, war es eigentlich total lebensmüde, welche Rolle ich im weiteren Verlauf der Story spielte. Da kann man mal sehen, in was für gefährliche Situationen sich so manche Singlefrau begibt, nur um den eventuellen Heiligen Gral nicht aufgrund unbedeutender Kleinigkeiten, wie etwa hässlichen Ohren oder einer zu hohen Leberfleck-Frequenz nicht vorbeiziehen zu lassen....brrrrr....gruselig.
Es kam also, wie es kommen musste. Meine werte Kollegin überließ mir den Tisch mit dem unheimlichen Brillenträger und wir flirteten im Laufe einiger Abende sehr oberflächlich und sehr unbedeutend. Eben eher so auf Kellnerinnenniveau.

An einem dieser Abende war ich mit Bateman etwas im Gespräch vertieft, als er plötzlich persönlich wurde.

„Das klingt jetzt vielleicht etwas komisch, aber ich wollte Sie etwas fragen....“,

 sprach er. Mittlerweile wusste ich, dass er beruflich neu in der Stadt und außer Arbeitskollegen – die meisten schon mit Familie und daher nicht sehr interessiert an weiterem Freizeit-Kontakt mit einem Endzwanziger – ohne viel Kontakte war. 
Nun sei es so, fuhr er fort, dass ein Arbeitskollege demnächst heirate, er eine +1 Einladung habe und auch nur sehr ungern allein zu diesem Fest gehen würde. Ob ich ihn nicht vielleicht zu der Hochzeit begleiten wolle?

Oh je.....

Das brachte mich irgendwie in Schwulitäten
Ich wusste bereits, dass ich Mister American Psycho auf keinen Fall im erotischen Zusammenhang daten wollen würde. Andererseits, würde es auch unangenehm sein, abzulehnen. Zumal ich ja wusste, dass die arme Wurst total allein hier war und ich ihm auch nach einer Absage weiterhin sein Steak bringen würde müssen...
Und letztendlich bin ich schon immer so dankbar, wenn ein Mann an mir Interesse zeigt, dass ich seit jeher aufpassen muss, ob ich selbst auf die Idee kam den Herren anbetungswürdig zu finden oder aber nur aufgrund der Zuneigung meines Gegenüber aus lauter Dankbarkeit, dahinschmelze....

Ich erbat mir etwas Bedenkzeit („Da muss ich erst in meinen Kalender schauen...“), sagte am Ende aber doch zu. Nahm es als Übung für mein noch immer hin und wieder auftretendes Problem mit unbekannten Situationen. Vielleicht würde es ja auch total witzig werden und außerdem, sagt man nicht immer, auf Hochzeiten lernt man am Schnellsten Männer kennen? Das wäre zwar wiederum mehr als unhöflich meinem kleinen Psychopathen gegenüber....aber immerhin sollte für mich ja auch etwas dabei rausspringen...

Ob ich keine Angst hatte, als Fall bei Akte XY  "Grausiger Fund:abgetrennte  Damenextremitäten in Gefriertruhe entdeckt "  zu enden? Naja, man kann ja auch nicht in jeder alleinstehenden Person eine tatsächliche und nicht nur zusammen gesponnene Gefahr sehen. Dann enden wir ja alle einsam.

Um sich vorher etwas besser kennenzulernen, schlug er vor, wir könnten ja mal gemeinsam was trinken gehen. Na gut, also...stürzte ich mich ein kleines Abenteuer...

Fortsetzung in Teil II...

peoplewatching #2A : Blumen aus Thüringen, Teil II











Gentlemanlike, wie Psychopathen üblicherweise sind, holte mich der Gute eine Woche später ab. Vorausschauend wie ich es bin, wartete ich natürlich nicht zu Hause, sondern an einem anderen Ort. Mindestens drei Personen wussten, wo ich mich aufhielt und mit meiner Freundin waren Kontrollanrufe vereinbart.

Herr Bateman aus Thüringen fuhr einen dicken schwarzen BMW. Mit Sitzheizung. Iiih. Männer mit dicken Autos üben auf mich ja seit jeher viel weniger Attraktivität aus, als Männer in abgewetzten Kadetts, muss ich dazu sagen. Liegt vielleicht an meiner ersten großen Liebe, dessen matschgrauer (das Fabrikat habe ich vergessen) Wagen seine besten Jahre schon hinter sich hatte und in dem wir, mit der Hitze unseres jugendlichen Atems, unsere eigene Lüftung waren. Und das war total egal, schließlich war man fast schon verliebt.

Ich wurde also abgeholt, mit pipiwarmer Sitzheizung und heller Lederausstattung beeindruckt und wir fuhren zunächst für Bier, Salat und Pasta und später dann Kaffee an die Weser .
Die Alarmglocke schrillten wieder...Der Herr fragte, was ich denn gewählt habe und bestellte beim Kellner für mich mit!!!!
War vielleicht Oldschool-höflich gemeint, ich fühlte mich aber wie Barbie im Elektrofachhandel. Und die Schiene wurde weitergeführt .
Volle Kanone Jacke abnehmen, Stuhl zurechtrücken, Tür aufhalten, gepflegte Konversation und und und.
Ich steht zwar schon drauf, wenn Männer mit Gabel und Messer umzugehen wissen, aber in diesem Falle war all das, in Kombination mit seinem unterschwelligen Thüringer-Akzent, einfach nur zuviel und brechreizauslösend.

Und dann wurde mir inmitten seines Monologs und meines regelmäßigen Kopfnickens und sinnvoll eingestreuten „Mhmh..mhmh..“ Feedbacks schlagartig bewusst: ich habe es mit dem heutigen Tag ja gar nicht überstanden! FUCKING SHIT, da war ja noch was!
Tja, und da er wusste wo er mich finden kann, wann ich mich nach Ladenschluss allein auf den düsteren Heimweg begebe und ich es einfach nicht über´s Herz bringen konnte, mit irgendeiner fadenscheinigen Ausrede abzusagen...ging es tatsächlich noch zu einer typisch deutschen Hochzeit in einem typisch dorfigen Landgasthaus. Keine Möglichkeit zur realistischen Flucht auf viel zu hohen, viel zu unbequemen Schuhen.

Wieder zwei Wochen später wurde ich im einnässungsangstauslösenden Wagen abgeholt und bekam einen kleinen Strauß Blumen in die Hand  und ein Kompliment, ob meiner Erscheinung auf die Ohren gedrückt. Ich wollte weinen....
Wie lange konnte das dauern? Eine Stunde Fahrt, Begrüßung und Gratulation an das unbekannte Brautpaar, diverse Ansprachen und Spielchen.
Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch, Kaffee und dann noch ein bisschen....oh scheiße.
Mir brach der kalte Schweiß aus.
Ich vergaß...das Tanzen. Verdammt. Ich kann doch gar nicht tanzen!!! Okay, ein paar Jahre klassisches Ballett, viele viele Jahre tänzerisch-kompositorischer Leistungssport, Arschwackelei zu Shakira und mehr....das geht klar. Aber nie nicht habe ich einen Tanzkurs gemacht.
Mit meiner bereits erwähnten ersten großen Liebe, bezeichnenderweise lernten wir uns bei einer Hochzeit kennen – Ha.Ha. – brachte ich die Schmach damals mit zwei Schritten rechts, zwei Schritten links einigermaßen unpeinlich über die Bühne. Aber wir mochten uns ja auch.

Tja, ich kam nicht drumherum. Und wie ich so ein Hochzeits-Gediscofoxe hasse. Ich bekomme da wirklich Zustände. Musik und Tanzen ist für mich ein künstlerisch, emotionaler Ausdruck und dieses steife im-Kreise-drehen ist mir einfach so was von zu Wider.
Um es auf den Punkt zu bringen: es war einfach ein schrecklicher Abend. Ganz furchtbar. Warum ich mir so was antue? Einige Freundinnen sagen mir heute, ich sei immer noch solo, weil ich viel zu früh K.O. Kriterien ansetze und nicht „offen“ genug sei. Aber ich finde, ich habe mir diese Haltung mit einer Reihe furchtbarer Verabredungen auch verdient.

Ich muss das Gespräch aufrechterhalten? Es gibt einfach keine intelligenten Konter?
(Selbst-)Ironie und Sarkasmus ist ein Fremdwort? Er hört sich zu gern selbst reden? Die Ohren sehen besorgniserregend aus? Informatiker oder Saunafachverkäufer? EQ und Empathie nicht vorhanden? „Becks Lemon“ Trinker? Bei 6 von 10 Punkten kann man“trifft zu“ ankreuzen? Nein danke, „Wir machen heute Mädelsabend“.

All das ist einfach nur nach zu vielen schlechten Dates ausgetüftelt. Alles andere wäre Zeitverschwendung.

Das alles ist natürlich erstmal schnurps, wenn man einfach direkt einen Draht zueinander findet, das ist ja klar... So ist es ja nun nicht, dass ich da erst mal eine Liste abarbeite.
Aber bitte.
Habe ich erwähnt, dass Mister Patrick Bateman eine Leidenschaft für Roséwein hegte?  Nein? Also wirklich, ein Mann der öffentlich Roséwein trinkt und das auch noch geil findet. 


In der tiefen norddeutsche Pampa drückte ich eine Gabel Kaisergemüse in Hollandaise am Klo in meinem Hals vorbei....