Montag, 4. Oktober 2010

Tischmanieren und Ausmalbücher

Diesen Monat wäre er 79 geworden. 
Wäre er. 
Denn er starb, als ich fast 12 war. 
Er lag davor lange im Krankenhaus. Alle waren hoffnungsvoll, dass er es noch mal nach Hause schafft. Aber dann, eines morgens.... 
Nein, nicht irgendeines morgens. Es war der Morgen des 22. Januars 1996, kurz vor meinem 12. Geburtstag. 
Ich musste zur Schule und saß gerade auf dem Klo, als meine Mutter ins Badezimmer kam. 


Lange habe ich ihr nicht verziehen, wie sie mir erzählte, dass Opa letzte Nacht gestorben sei, als ich mit runtergelassener Hose auf dem Pott saß. 
Ich heulte und versuchte die Situation einigermaßen würdevoll über die Bühne und meine Unterhose wieder über den Hintern zu bringen. 
Das war wirklich nicht schön. Beschreibt aber eigentlich gut, wie blind meine Familie für lange Zeit dann mir gegenüber war.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass meine Mutter gar nicht bemerkt hat, in welcher Lage ich mich da gerade befand.
Trotzdem, das war wirklich gemein. Mein beginnendes Teenager-Ich empfand die ganze Situation als extrem unwürdig.

Ich habe meinen Opa geliebt, wie eine 12jährige ihren Opa nur lieben und vergöttern kann.

Wegen des damaligen Angestelltenverhältnisses meiner Eltern wuchs ich als erstes Kind der ältesten Tochter quasi bei meinen Großeltern auf. 
An die Babyzeiten kann ich mich natürlich nicht erinnern. 
Aber dann kam ich in den Kindergarten und erinnere mich daran, dass ich morgens oft eine Szene machte, wenn meine Mutter mich dort ließ. Der Kindergarten war wundervoll, aber ich wusste wohl irgendwann, dass mich jeden Tag meine Oma mit dem Fahrrad abholen  und ich erst wieder zum Schlafen gehen ins elterliche Heim kommen würde.

Auch bei Oma und Opa war es super. Ich hatte dort meine eigenen Malsachen, die Butschersachen für das Spielen mit den anderen Kindern draußen und Oma hatte einen prall gefüllten Schnuckerschrank. 
Ich entwickelte eine ausgefuchst leise Taktik, diesen während ihres Mittagsnickerchens zu öffnen. Dachte ich. Gemerkt hat sie es trotzdem immer, wenn einige Süßigkeiten fehlten. Aber böse war sie natürlich nicht.

Mein Opa war sehr krank. Er lernte meine Oma in der Kur für Tuberkulose Kranke kennen. Obwohl man wohl eher sagen müsste, dass Oma ihn kennenlernte. Sie erzählte, sie habe ihn vom Fenster ihres Krankenzimmers aus gesehen und gewusst , „Den will ich haben“. Hat funktioniert. Früher war das irgendwie einfacher.

Opa fuhr zur See und arbeitete später in einer Werft. Dort wurde er dann so schlimm krank, dass er sich nie wieder ganz davon erholte. Für mich war er natürlich immer alt, mit seinem grauen Bart, dem Hut und dem Bauch. Aber er muss damals noch recht jung gewesen sein, vielleicht in den 40ern.
Die Asbestose, die sich in seinen Lungen ausbreitete, schwächte ihn sehr. Die Gesundheit einfacher Arbeiter war kein solch hohes Gut.

Für einen großen, starken Mann wie er war, muss es schwer gewesen sein auf die Pflege seiner Frau und an die Wohnung gefesselt zu sein. Für mich als seine Enkelin war es dann aber schön, dass er soviel Zeit mit mir verbringen konnte. Er half beim Ausmalen und Lesen lernen, achtete darauf, dass ich die Grundlagen der Hausarbeit und Tischmanieren lernte und ging mit mir spazieren. Er knuddelte mich, ich durfte auf seinem Schoß sitzen und ich liebte ihn.

Wir hatten ein selbst gebautes Ferienhaus an einem Quellsee. Oma und Opa hatten in der Nähe Wohnwagen und Zelt. Dort war ich fast noch lieber, weil ich den Geruch im Trailer und das Geräusch des Regens darauf so sehr mochte. 

Opa saß irgendwann dann  für lange Strecken hauptsächlich im Rollstuhl, auf ebenen Straßen konnte ich ihn schieben und habe lange Ausflüge in den Ort, oder in den Sommerferien eben ganz um den Baggersee,  gemacht. 
Manchmal war das zu weit und ich musste schnell schieben, weil er nötig auf die Toilette musste. Aber diese Zeit mit ihm allein zu verbringen, das war für mich damals - ich muss ungefähr 9 oder 10  gewesen sein - einfach das Größte.
Und trotz Rollstuhls und Asthmasprays war er in meinen Augen nie krank oder schwach oder gebrechlich.
Er war einer der wenigen starken Menschen und tragenden Säulen in meiner verrückten Familie.
Entweder liegt das daran, dass man als Kind die Erwachsenen so verklärt sieht oder aber, er war tatsächlich solch eine starke, große Persönlichkeit, dass sein Einfluss bis heute schillert.

In der Zeit der Trauer war ich Luft für meine Familie. Es hat keiner mit mir gesprochen, außer um dem eigenen Schmerz Luft zu machen. 
Das ist wohl verständlich. 
Man kann den Verlust seines Großvaters nicht vergleichen, mit dem Verlust seines Vaters oder der Liebe seines Lebens.
Und doch war ich in meinem zwölfjährigen Leben so traurig, wie noch nie und wusste nicht wohin mit mir.

Noch heute träume ich ab und an von ihm, ich weiß noch genau, wie er roch und wie seine Stimme klang.

Und immer noch kommen tolle Geschichten dazu, meine eigenen Erinnerungen werden durch die seiner Töchter und seiner Frau ergänzt.

Und manchmal kommt es dann eben dazu, dass es mich überwältigt und mir mein Opa selbst nach 14 Jahren noch unglaublich fehlt und mir dicke und heiße Krokodilstränen aus den Augen laufen, so wie heute.
Ganz für mich alleine.




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