Freitag, 8. Oktober 2010

Rapunzel und der Kohldampf


>> Kleine Jungen spielen mit dem Holzschwert, kleine Mädchen mit Prinzessinnen-Hackenschuhen und Mutti´s Lippenstift. Naja, so zumindest das Klischee.

Aber wozu das alles?

Auch wenn wir Jungs damals doof fanden und Mädchen ja total ätzend waren, diente wohl auch das schon dazu, den Gegenüber auf uns aufmerksam zu machen.
Damit dieser, oder diese, doch bitteschön wenigstens uns besonders öde findet.
Wir wollen nicht alleine bleiben und hofften vielleicht schon damals – wenn wir denn von der verträumten Sorte waren - mit Prinz oder Prinzessin irgendwann unser eigenes Märchen zu schreiben.

Später lernten wir, dass das Leben nicht immer so wie im Märchen verläuft.

Prinz Charming wird nicht einfach auf uns aufmerksam, nur weil wir verträumt aus dem Fenster starren und unser güldenes Haar bürsten.
Und Rapunzel fingierte wohl auch keine keine entzückte Ohnmacht - um gleich wieder aufgefangen zu werden, versteht sich - wenn der Holde von der Jagd verschwitzt vom Rosse stieg, sich mit Kohldampf und stinkenden Füßen an die Tafel setzte und der Magd in den üppigen Ausschnitt starrte.

Aber deswegen gleich das Träumen und Wünschen komplett ad acta legen?

Ich finde das sollte man nicht tun.<<...


..und so ähnlich wünschte ich dem nächsten Paar in meinem Bekanntenkreis alles Gute für ihre bevorstehende Ehe. Ich wünschte ihnen ganz viel Liebe, Stärke, Vertrauen, aber auch Unbekümmertheit und immer ein bisschen Zauber. Damit sie mit diesen feengleichen Gaben ab hier ihr eigenes, ab nun gemeinsames Märchen, gestalten können.

Dabei macht es hoffentlich nichts, dass ich in den meisten Beziehungen, die um mich herum existieren, so gar nichts Märchenhaftes erkennen kann.
Zumindest der Wunsch, dass in der zwischenmenschlich wohl innigsten Bindung, die man eingehen kann, auch etwas Überirdisches, Unrealistisches existieren sollte, ist ganz ehrlich gemeint.

Man nenne mich eine Träumerin, wenn ich glaube, dass man so etwas finden kann.
Aber ist es nicht erstrebenswert, jenseits des schnellen Lebens, wütender und gestresster Menschen, des schlechten Wetters und alldem, was einen tagein, tagaus von der Wolke holt  - und ja zugegebenermaßen auch holen sollte – wenigstens in der Zweisamkeit etwas albern, verrückt, abgehoben, zauberhaft sein zu dürfen?

Nicht Schlimmeres kann ich mir vorstellen, als dass man auch in der Liebe eher den Mund hält, als offensichtliche Probleme anzusprechen, um die empfindliche Oberfläche nicht zu zerbrechen.
Dass man blind wird, wenn die eigene Vorstellung vom Leben, die man sich vor Jahren einmal aufgebaut hat, nur um des Einhaltenwollens dieses Planes erzwungen wird.
Wenn man auch in der Liebe immer vernünftig sein muss, weil das Leben ja nun einmal vernünftig ist.
Wenn man sich zufrieden gibt mit dem, was gerade so zufrieden stellt. Weil man Angst hat vor dem Alleinesein.
Wenn man sein Träumen zurückstellt, weil bei zwei Personen kein Platz mehr sein soll, für das Eigene.

Ein Widerspruch? Weil Märchen nur oberflächlich gut verlaufen?





Nur eines macht sein Traumziel unerreichbar: die Angst vor dem Versagen.
aus "Der Alchimist", Paulo Coelho

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