Donnerstag, 30. September 2010

peoplewatching #4: Der Engel mit der Axt

Beobachtung:

Mein Blick ist aus der Bahn gerichtet auf den - normal für einen Sonntagnachmittag - normal verschlafenen Gehweg in der City.
Ein Bilderbuch-Obdachloser steht vor einem Schaufenster. Er trägt grünen Parka, einen kleinen Bauch und grauen Urwald aus langen Haaren und zotteligem Bart. Hinter ihm deponiert, stehen offensichtlich seine 'Aldi'- und irgendeine andere Tüte. Und jetzt wird es einigermaßen bemerkenswert.
Das Schaufenster vor dem er steht, gehört einem Berufsbekleidungsgeschäft. Die Auslage die er näher betrachtet ist die eines Zimmermannes. (Hallo Jesus?) Der Bärtige schaut sich die Auslage nicht nur an, er fotografiert sie. Mit einer dieser nagelneuen Kameras zwischen Spiegelreflex digital und Compactcam.
Die Bahn fährt wieder an.

Es hat mich so sehr in meinem Hintern gejuckt, aus der Bahn  zu springen und mit ihm zu reden.
Ich hatte gleich mehrere Gedanken, die mir Anstöße zu kleinen Episodengeschichten gegeben haben. Freue mich schon auf einen Nachmittag, an dem ich Zeit habe, die Gedanken zu formulieren...

Von wegen Götterbote

Sei einem gefühlten Jahrhundert war ich nicht mehr in der Lage mal so richtig ausgiebig zu shoppen.
Obwohl, so stimmt das gar nicht.
Der Sommer war einfach nur der Knaller. Die Klamotten haben vollkommen gereicht, ein paar Kleinigkeiten konnten vom letzten Jahr verbraten werden, manches kam dazu.
Bei der Hitze des Sommers 2010 hat auch einfach alles gepunktet, was möglichst wenig war. Jetzt ist der September rum.
Ich habe also eigentlich nur ein Jahr nicht richtig Herbst-geshoppt.
Vor kurzem habe ich dazu noch meinen Kleiderschrank radikal entmistet und ich stehe vor dem Problem, total angödet von seinem jetzigen Inhalt zu sein.
Alles was halbwegs vor der Kälte schützt, sind die Pullis, bei denen das Motto 'form follows function' heißt. Alles was ich anziehen mag, ist zu kalt.
Und an vielem davon hab ich mich schlicht sattgesehen.
Ich bin sicherlich nicht das größte Modeopfer was auf diesen Pfaden wandelt. Aber Klamotten machen mir Spaß und ich fühle mich wohler, wenn ich nach Laune Stimmungen anziehen und diese damit ausdrücken kann. Also ergibt sich das Dilemma, was wohl jeder ab und zu kennt:
'Ein ganzer Kleiderschrank voll nix zum Anziehen'.

Weil ich dem schnell Abhilfe schaffen wollte und ein Shoppingbummel erst im Oktober vorgesehen ist, habe ich also zwecks Abwendung einer riesigen Frustfront (die gab es schon, aber ich meine eine richtig schlimme:die Frust-Front am Wochenende) ein paar Dinge bestellt.
Geht ja schwuppdiwupp heute.
Denkste.
Wegen meiner Alkoholiker Tastatur (hat zu tief ins Weinglas geschaut), streiken die Tasten im oberen Bereich.
Und dabei ist mir entgangen, dass im Bestellformular die Hausnummer fehlt. Die HAUSNUMMER!
Also ging der ganze Kladderadatsch wieder zurück in die Hauptumschlagbasis.
Habe ich nach einigen Telefonaten rausgefunden. Gott sei Dank früh genug, sonst hätte das auch noch extra gekostet.
Das ganze  hier ist bloß Ablenkung. Geduld ist nämlich absolut nicht meine Stärke. Erst recht nicht bei solchem Dilettantismus und wenn ich mich auf etwas richtig freue. Zumeist bremse ich meine Euphorie zu schönen Dingen meist schon, á la 'irgendwas geht bestimmt schief/klappt nicht pünktlich'. Ausnahmsweise nicht in diesem Fall - Fehler.

Hausnummer....tz. Schon mal was von Nachbarschaft gehört? Einmal klingeln in der Straße hätte gereicht und eine Menge Energie gespart.

Aaaaalso, naja. Vorfreude soll ja die schönste Freude sein. Und Warterei regt Kreativität an. Um nicht die Krise zu kriegen hieß es also: 1000x getragene Klamotten anders kombinieren, um sich nicht selbst zu langweilen.
Und es ist ja fast Oktober, dann kann auch gebummelt werden:)


Mittwoch, 29. September 2010

Nostalgie

Neulich ging ich durch die Waterfront-H&M Kinderabteilung und traute meinen Augen kaum: da prangte ein Bild auf einem Shirt, dass ich zwar nicht direkt einordnen konnte, aber ein wohlig heimeliges Gefühl auslöste. Leider war es das letzte Exemplar und in Größe 146, das hätte nicht gepasst. Meine Mutter konnte mir nach eingehender Beschreibung helfen.
"Kleines Mädchen mit zu großen Klamotten in Laura-Ashley-Optik und Hütchen Mützchen auf." Das sei bestimmt ein Motiv von Sarah Key ('KÄY' gesprochen, nicht wie Schlüssel?)gewesen, klärte sie mich auf.
Ich hatte wohl Bücher und eine Nachttischlampe davon...
Hm, es ist wirklich kitschig - aber gefällt mir:), auf jeden Fall sehr viel mehr als 'Hello Kitty.' Mache mich jetzt auf die Suche und schaue, ob ich davon ein bisschen Gimmick finden kann...





Montag, 27. September 2010

peoplewatching #3: Stellerchen

Strumpfhose und Wollsocken an, Schal und Mantel umgeschnallt, Kapuze auf dem Kopf und Musikknöpfchen im Ohr: 
so ausstaffiert trotze ich dem kalten und nassen End-September-Wetter, dass ich sowieso ganz wundervoll finde. Tori Amos zwitschert mir ins Ohr, während ich über Kies und das erste Herbstlaub knistere.

Ich muss mich wie immer daran erinnern, dass mich die Menschen um mich herum sehr wohl hören können, wenn ich wegen des MP3-Players noch tauber als sonst, lauthals mitsinge. Das funktioniert nicht mehr so wie früher, als man sich einfach die Hände vor die Augen hielt, wenn man für die Welt unsichtbar sein wollte. Sehe ich dich nicht, siehst du mich nicht.
Es könnte zwar auch irgendwie ganz putzig und herzallerliebst sein, wenn eine Mittzwanzigerin (bin ich das noch?) selbstvergessen in der Bahn losposaunt. Nicht aber bei mir...dazu singe ich zu schräg. Leider.

Tori´s sphärisch bodenständige Musik hat mir schon oft meinen Tag gerettet und mich durch die Stimmungen getragen. Ich bin wirklich glücklich, dass ich sie als Souvenir aus meiner bisher längsten Beziehung mitnehmen durfte.

Sie ist eine der schöneren Überlebenden, wenn nicht die wertvollste, die aus Männergeschichten entstanden sind, mir ans Herz gelegt oder vorgestellt wurden und mich viel länger als die Bettwärme der verflossenen Liebschaft begleiten durfte.

Die meisten Überlebenden sind Fressalien. Seitdem ich das erste Mal verliebt war zum Beispiel, finde ich Senf auf Käse supergeil. Und obwohl ich nicht so die Süßigkeiten-Addict bin, darf´s seitdem nach dem Essen auch gerne mal Schoki sein.
Das war mehr als ein Jahr Pflicht bei meiner Big Love No.1. Ein paar Kilos zuviel zählten dadurch auch zu den mitgenommenen Hinstellerchen, die gute 3 Jahre brauchten, ehe sie sich verstaubt wieder verabschiedet haben.
Nach einer darauf folgenden eher frustrierenden Affäre, konnte ich meine heißgeliebte Jasmin Tabatabai Scheibe lange Zeit in die Ecke pfeffern. Auf langen Wegen mit dem Überlandbus in die Pampa, habe ich die rauf und runter  gehört. Als es mit Mr. 20 cm dann nach ein paar Wochen aus war, hat mir die Musik nur noch schlechte Laune gemacht.
Kakao zum Frühstück hat nicht lange angedauert, dafür habe ich als Stalking Opfer zunächst bei jedem anfahrenden rote Kadett einen Sprung in die Büsche gemacht und schließlich die Stadt verlassen.

Parallel zur längsten Liebe überdauern auch die Souvenirs daraus nachhaltig. Hier wurde ich mit Kaffee angefixt. Und ich meine Kaffee, und keinen Latte-DoubleChoc-Caramel-Mintflavoured Kram. Den mag ich ab und zu zwar auch, aber ohne Kaffee geht gar nichts mehr. Ich kriege ohne die alltägliche Koffeindosis Kopfschmerzen, schlechte Laune und die Klütschen gar nicht erst richtig auf.
Und nach durchknutschten Nächten im Auto mit ziemlich passender musikalischer Untermalung gehört die Amos eben zu meinen Lieblingen. Dafür bin ich wirklich dankbar.
Zum Ende dieser Liebe verlor ich dann auch endlich die überschüssigen und noch ein Paar mehr Pfunde.

Als Single pflegt man dann ja mehr seine eigenen Marotten.
Ob dann aber 100jährige Beziehungen gleichbedeutend mit Stillstand, da keine neuen Stellerchen mehr auf dem Weg ins Regal sind, gilt es noch rauszufinden und ist letztendlich ja auch jedem selbst überlassen und beeinflussbar....

....denke ich mir so und trete wieder hinaus auf die herrlich verregnete und graue Straße.