Freitag, 16. März 2012

Mottenkugeln im Haar



Sie riechen tatsächlich nach Zitrone. Meine Haare. Sie haben beachtliche Länge erreicht. Sind länger als je zuvor in meinem Leben. Zwar sind sie auch dünn wie Bohnenstroh, dank obsessiver Pflege sieht die Mähne aber trotzdem ganz passabel aus. Dabei bin ich nicht mal ein großer Fan von Zitrusduft. Das gehört eigentlich ins Klo oder die Spüle, finde ich. So in der angenehmen Frühlingssonne allerdings macht es sich ganz gut.
Ich lese „Titos Brille“ von Adriana Altaras. Ist ganz anders als erwartet. Gefällt mir aber sehr gut. Neben unschönen Geheimnissen, die wohl alle Familien hüten, bei neurotischen Juden aber irgendwie trotz schockierender Grundlage irgendwie skurril komisch rüberkommen, geht es – wie soll es auch anders sein – um die großen und kleinen Lieben im Leben. Denn um Liebe geht es doch fast irgendwie immer. Entweder gibt es viel davon oder viel zu wenig. Entweder ist sie traumhaft oder abartig, komisch oder krankhaft. Thema aber ist sie immer. Finde ich jedenfalls. Vielleicht ist das aber auch so, weil ich danach suche. Alles damit erklären will. Glück und Unglück. Drama und Komik.
Vor einiger Zeit machte ich mir Gedanken darüber, ob die Liebe, über die ich lese oder die einem in Kinofilmen begegnet, verklärt ist. Wahrscheinlicher ist es wohl, und das möchte ich glauben, dass der Macher hinter Buch und Film viel eher versucht, genau sein Empfinden zu vermitteln, wenn es bei ihm oder ihr um die Liebe geht. Noch wahrscheinlicher mag sein, dass es uns die Sehnsucht nahe bringt, die hinter dem Verzehren nach einer ausfüllenden Liebe steht.
Und immer wenn ich von so etwas lese, frage ich mich, ob es tatsächlich solche Liebenden gibt. Die dem Objekt ihrer Hingabe die Nase in den Nacken drücken und daran denken, dass er – und ich spreche mal hier von er, weil ich ein Mädchen bin und „er's“ mag – so herrlich nach....ja was eigentlich. Ich mag zum Beispiel Freimarktduft. Aber das wäre ja komisch. Obwohl ich mal so ein Parfum hatte, das nach Zuckerwatte roch. Naja. Ich finde nicht die richtigen Worte. Aber ich meine, es ist doch schön wenn jemand nach Wärme riecht. Im Sommer geht das leicht. Diese leicht von der Sonne verbrannte Haut, gemischt mit dem Geruch von frischer Luft. Aber das ist dann auch wieder eher sexy. Weniger ein Liebesschnuff. Aber man kann auch im Winter nach Wärme riechen. Und das ist ein schöner Duft, finde ich. Und ich glaube auch, dass nicht jeder so riechen kann.
Damit habe ich meine Frage eigentlich schon selbst beantwortet. Ja, es gibt Menschen, die so denken. Die eine krumme Nase, die schiefen Schultern oder die asymmetrischen Augen betrachten und trotzdem denken, dass ihnen ein Mensch mit wunderschönem Herzen, erfrischendem Lachen und verstecktem Liebesgut gegenüber sitzt. Und die lieben. Einfach so. Vielleicht nicht ganz so lyrisch wie im Roman. In den Romanen, wo die größten Orks wie Feenwesen anmuten können, deren Lachen sich in himmlische Sphären emporhebt und das seidenweiche Haar, naja, wie Veilchen im Frühlingswind riechen. Oder nach Mottenkugeln. Was dann trotzdem mitten im Bauch zu Glücksgefühlen führt, weil der Liebende seine Frau eben so kennt. Und ihn seine nach Patchouli duftende Frau zwar stinkt, aber an die Liebe seines Lebens erinnert.
Vielleicht ist genau das aber auch das Vermögen von Literatur. Oder Kunst im allgemeinen. Diese Bemühung, genau diese Wohlgefühle in Worte zu fassen. Naja, und auch all das Schreckliche, was man kaum ausdrücken kann. Aber davon spreche ich ja gerade nicht.
Darüber sitze ich also gerade nachdenkend in der ersten Sonne des Jahres und frage mich erneut, ob ich da nicht ein bisschen viel erwarte. Zwar kann ich meine Nase in eine Halskuhle drücken. Und mich tiefenentspannen und einfach mal wohlfühlen. Aber eine Aura aus Engelsklängen umgibt diese Szenerie nun auch nicht. Allerdings kenne ich auch viel Zweisamkeit um mich herum, die viel mehr der Einsamkeit gleicht. Ganz tief drinnen. Und dennoch, wagt man es über andere Entwürfe zu urteilen. Ich werde zu vage.

Meine Haare sind lang genug, damit ich sie fünfmal um meine Nasenspitze wickeln kann. Ob man sich wohl denken würde, dass sie nach Zitrone riechen. Wenn man neben mir sitzt oder sich eben eine Nase in meinen Nacken verirrt. Vielleicht ist das Denken ja auch viel schöner, als es zu sagen. Und ich überlasse den Feenstaub einfach den Büchern.

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