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Freitag, 30. März 2012

Oh Sigmund.

Heute Nacht wurde mir meine Seele offenbart. Sie ist alt, verstaubt, mit viel Plüsch, eine Mischung aus unheimlich und gemütlich und schläft im hässlichsten Zimmer auf dem Sofa. Außerdem wohnt sie in Worpswede. Aber sie hat einen hauseigenen Candyshop. Allerdings nur Kohleöfen, in mehreren Küchen mit wiederum großen Esstischen. Das ist wieder schön.

Ich habe geträumt. Von einem Haus am Wasser. Ein hässlicher 60er Jahre Bau in pastellgelb mit bröckelndem Putz. Dahin bin ich umgezogen. Warum, hat sich mir nicht so recht offenbart.

In diesem Kleinod des schlechten Geschmacks verbarg sich ein Möbelfundus der Jahrhundertwende, davon vollgestopft bis unter die Ziegel. Mit allem was man sich vorstellen kann. Kohleöfen, Blechdosen, Polstern, Bildern, Puderdosen, Porzellan.... Vieles war scheußlich, angsteinflößend. Besonders in der Masse. Aber natürlich war manches auch recht hübsch.
Herumgeführt haben mich zwei Damen. Gewohnt haben dort noch viele andere Menschen. Meist im Studentenalter. Pärchen und Alleinstehende. Aber keine alten Menschen. Irgendwo, in einem Buch oder an einer Tafel, wurde ein blonder Student ausgewiesen. Literatur und Literaturtheorie. Und noch irgendwas, das habe ich vergessen.
Ich war nicht auf dem Dachboden, es gab keine Bibliothek. Im Gegensatz zu meinen früheren Hausträumen.

Mein Schlafzimmer glich eher einer Stube. Mein Bett war ein überzogenenes Samtsofa in grün. Klassisch. Daneben stand ein altes Federgästebett. Darauf bin ich umgezogen. Im Gegensatz zu den anderen Schlafzimmern war meines aber eher eine Kaschemme.

Das Haus stand in Worpswede. WTF.

Freitag, 16. März 2012

Mottenkugeln im Haar



Sie riechen tatsächlich nach Zitrone. Meine Haare. Sie haben beachtliche Länge erreicht. Sind länger als je zuvor in meinem Leben. Zwar sind sie auch dünn wie Bohnenstroh, dank obsessiver Pflege sieht die Mähne aber trotzdem ganz passabel aus. Dabei bin ich nicht mal ein großer Fan von Zitrusduft. Das gehört eigentlich ins Klo oder die Spüle, finde ich. So in der angenehmen Frühlingssonne allerdings macht es sich ganz gut.
Ich lese „Titos Brille“ von Adriana Altaras. Ist ganz anders als erwartet. Gefällt mir aber sehr gut. Neben unschönen Geheimnissen, die wohl alle Familien hüten, bei neurotischen Juden aber irgendwie trotz schockierender Grundlage irgendwie skurril komisch rüberkommen, geht es – wie soll es auch anders sein – um die großen und kleinen Lieben im Leben. Denn um Liebe geht es doch fast irgendwie immer. Entweder gibt es viel davon oder viel zu wenig. Entweder ist sie traumhaft oder abartig, komisch oder krankhaft. Thema aber ist sie immer. Finde ich jedenfalls. Vielleicht ist das aber auch so, weil ich danach suche. Alles damit erklären will. Glück und Unglück. Drama und Komik.
Vor einiger Zeit machte ich mir Gedanken darüber, ob die Liebe, über die ich lese oder die einem in Kinofilmen begegnet, verklärt ist. Wahrscheinlicher ist es wohl, und das möchte ich glauben, dass der Macher hinter Buch und Film viel eher versucht, genau sein Empfinden zu vermitteln, wenn es bei ihm oder ihr um die Liebe geht. Noch wahrscheinlicher mag sein, dass es uns die Sehnsucht nahe bringt, die hinter dem Verzehren nach einer ausfüllenden Liebe steht.
Und immer wenn ich von so etwas lese, frage ich mich, ob es tatsächlich solche Liebenden gibt. Die dem Objekt ihrer Hingabe die Nase in den Nacken drücken und daran denken, dass er – und ich spreche mal hier von er, weil ich ein Mädchen bin und „er's“ mag – so herrlich nach....ja was eigentlich. Ich mag zum Beispiel Freimarktduft. Aber das wäre ja komisch. Obwohl ich mal so ein Parfum hatte, das nach Zuckerwatte roch. Naja. Ich finde nicht die richtigen Worte. Aber ich meine, es ist doch schön wenn jemand nach Wärme riecht. Im Sommer geht das leicht. Diese leicht von der Sonne verbrannte Haut, gemischt mit dem Geruch von frischer Luft. Aber das ist dann auch wieder eher sexy. Weniger ein Liebesschnuff. Aber man kann auch im Winter nach Wärme riechen. Und das ist ein schöner Duft, finde ich. Und ich glaube auch, dass nicht jeder so riechen kann.
Damit habe ich meine Frage eigentlich schon selbst beantwortet. Ja, es gibt Menschen, die so denken. Die eine krumme Nase, die schiefen Schultern oder die asymmetrischen Augen betrachten und trotzdem denken, dass ihnen ein Mensch mit wunderschönem Herzen, erfrischendem Lachen und verstecktem Liebesgut gegenüber sitzt. Und die lieben. Einfach so. Vielleicht nicht ganz so lyrisch wie im Roman. In den Romanen, wo die größten Orks wie Feenwesen anmuten können, deren Lachen sich in himmlische Sphären emporhebt und das seidenweiche Haar, naja, wie Veilchen im Frühlingswind riechen. Oder nach Mottenkugeln. Was dann trotzdem mitten im Bauch zu Glücksgefühlen führt, weil der Liebende seine Frau eben so kennt. Und ihn seine nach Patchouli duftende Frau zwar stinkt, aber an die Liebe seines Lebens erinnert.
Vielleicht ist genau das aber auch das Vermögen von Literatur. Oder Kunst im allgemeinen. Diese Bemühung, genau diese Wohlgefühle in Worte zu fassen. Naja, und auch all das Schreckliche, was man kaum ausdrücken kann. Aber davon spreche ich ja gerade nicht.
Darüber sitze ich also gerade nachdenkend in der ersten Sonne des Jahres und frage mich erneut, ob ich da nicht ein bisschen viel erwarte. Zwar kann ich meine Nase in eine Halskuhle drücken. Und mich tiefenentspannen und einfach mal wohlfühlen. Aber eine Aura aus Engelsklängen umgibt diese Szenerie nun auch nicht. Allerdings kenne ich auch viel Zweisamkeit um mich herum, die viel mehr der Einsamkeit gleicht. Ganz tief drinnen. Und dennoch, wagt man es über andere Entwürfe zu urteilen. Ich werde zu vage.

Meine Haare sind lang genug, damit ich sie fünfmal um meine Nasenspitze wickeln kann. Ob man sich wohl denken würde, dass sie nach Zitrone riechen. Wenn man neben mir sitzt oder sich eben eine Nase in meinen Nacken verirrt. Vielleicht ist das Denken ja auch viel schöner, als es zu sagen. Und ich überlasse den Feenstaub einfach den Büchern.

Dienstag, 14. Februar 2012

A Nightmare On Valentines-Night.

Gerade ärgerte ich mich noch über eine ätzend schlechte Zug- / Busverbindung und wünschte dem Busfahrer einen kräftigen morgendlichen Tritt auf einen herumliegenden Sohnes-Legostein, da war der Ärger auch schon fast wieder verflogen. Warten im Wind ist schrecklich, also marschierte ich durch die regnerische und ungemütliche Februar - Nacht nach Hause. Vorbei am Friedhof. Hui Buh.
An diesem Dienstagabend waren viele der, im Dunkel des Abends rabenschwarzen, Gräber durch rote Grablichter erleuchtet. Sie flackerten und strahlten und tränten und liebten und dachten leise vor sich hin.
Ja, Valentinstag mag scheiße sein, eine reine Geldmaschinerie und Gedenkheuchelei. Und Lichter können jeden Tag leuchten und fünfzig an der Zahl machen nur lauter Licht als eines.
Ist mir egal. Der Anblick beruhigte mich und strahlte Romantik und Herzschmerz aus.
Kindeskind, räum dein Zimmer auf. Das mit dem Legostein nehm ich zurück.
Und bin dankbar für den Augenblick.

Samstag, 26. November 2011

Stirn an Stirn.
Hirn an Hirn.
Herz an Herz.


Himmel, Arsch, der Zwirn
und all der Schmerz.


Gefühl, Gespür, Gefahr gewahr,
Haut an Haut
vertraut es pur,
das Hirn dem Herz.
Und fragt es stets:


Wo bist du nur?



Donnerstag, 17. November 2011

lets fetz.

Keine Zeit für gar nichts, aber viel für eine Menge. Überall hängen kleine Fetzen und ich liege bald in selbigen. "Juhu, Wochenende" ist eine völlig unbekannte Größe. Sobald der Schnee kommt und die Ketten leuchten, werde ich mich drei Tage einfach komplett einwattieren. Darauf freu ich mich.


***


In der Mitte ein großes, klaffendes Loch. Der Wind pfeift hindurch. Den Wind treibt ein Monster an. Es brummt. Es brummt und brüllt. Unverständliche, angsteinflößende Geräusche. Und ich renne von einer Ecke zur anderen, suche den Halt einer Wand. Finde nur Windhosen und haltlos freie Flächen. Meine Gedanken sind schneller als mein Kopf. Mein Herz pocht, es fürchtet den pfeifenden, kalten, bedrohlichen Wind. Die Böen rauben mir den Atem, ich kann nicht dagegen an.

***

Werde es kritzeln. Sonst bekommt man keinen Durchblick.

Montag, 19. September 2011

10407




































Tatsächlich fing mein Herz ein bisschen an zu klopfen, als ich den langen Gang der Umkleiden abschritt, schließlich um die Ecke bog und in der Halle stand. Es war tatsächlich dieselbe Wettkampfstätte, an der ich mit 11 Jahren meinen ersten überregionalen Wettkampf turnte und ich gleichzeitig zum ersten Mal überhaupt in Berlin war. Völlig unberührt von irgendwelchem Hype und ach so crazy people fand ich die Stadt damals schon wunderbar. 
Als am Freitag der Zug einfuhr, war genau das Gefühl da, das immer einkehrt, wenn ich dort bin. Einfach gut. Das traut man sich heute kaum noch zu sagen, aber es ist einfach so. Fuckin' Berlin fühlt sich einfach immer wieder gut für mich an.
Da war es erst recht schade, dass es nur ein Kurztrip in die Sporthalle war und es Zeit für Fotos und Durchatmen und Gucken nur zwischen Bus und Bahn gab.
Und trotzdem war es einfach gut.

Montag, 5. September 2011

peoplewatching#13: sonntagmorgens.

Sie saß auf der einzigen Bank am Bahnsteig. Hatte Wadenmuskeln wie ein Radfahrer und Haare wie Reinhold Messner. In mir machte sich Unruhe breit, ich mag meine Ruhe haben. 
Besonders sonntagmorgens. Schlimm genug, dass ich überhaupt zu solch einer Unzeit am Sonntag unterwegs sein muss. Wenn dann auch noch andere Menschen unterwegs sind. Ätzend. 
Und dann sollte ich auch noch stehend auf den Zug warten? Ich schluckte meinen Ärger runter, ließ einen Platz zu meiner Vorgängerin frei (sie saß natürlich nicht am Rand der Bank, sondern in der Mitte. Wer macht denn sowas?!) und setzte mich. Sie blickte mich an und bohrte sich mit ihren Augen in mein Gewissen. Jedenfalls glaubte ich das zu spüren. Vielleicht mag sie auch, gerade sonntagmorgens, ihre Ruhe haben. Ich glaube auch, sie war ziemlich erbost. Wie konnte ich es wagen. Naja, immerhin war die Bank für vier Personen, da werde ich mich ja wohl dazu setzen dürfen. Eine Zeit lang beobachtete Reinhold Messner mit den Radfahrerwaden und Brüsten die Situation. Dann stand sie auf und entfernte sich. Nicht ohne jeden Meter Halt zu machen und ihr Gewicht jeweils circa zehn Mal von dem rechten auf das linke Bein zu verlagern. Seitwärts wackelte sie sich hin und her. Rechts links. Rechts links. Rechts links. Bestimmt Zehnmal. Was geht? Komische Menschen sind sonntagmorgens unterwegs.
Sie war weg, ich widmete mich meinem Erdnussbutter-Kürbisbrot und den Kopfhörern in meinen Ohren. Elvis und Tori Amos. Und ein bisschen moderne Rockmusik. Kamen da raus, meine ich.
Ich beobachtete wie vom Bahnsteig gegenüber ein Herr mit Jutebeutel, hier sagen wir Leinenbeutel – oder Büdel – die Beine in die Hand nahm und offenbar auf unseren Bahnsteig herübersprintete. Was ist denn los heute früh?
Er stellte sich zu mir neben die Bank. Unangenehm nah. Ich sah mir an was ich sehen konnte, ohne den Blick dabei so hoch zu setzen, dass ich ihm in die Augen sehen müsste. Er stand nämlich in einer Art mir zugewandt, dass ich fürchtete, er könne mich ansprechen. Und das am Sonntagmorgen...neee. Merkwürdig sah der Sprinter aus. Er trug schwarze Schnürschuhe (das war zugegebenermaßen noch nicht merkwürdig) und stand in einer 1A ballettösen Grundposition, trug ferner eine ausgestellte Samtcordhose in Popelgrün ohne Gürtel (schon komischer), den erwähnten Jutebeutel; stark beladen, ein weißes Poloshirt, eine Erich-Honecker Brille und Gerd-Netzer-Frise. Seine Haut zierten diverse Flechten. Das war ein bisschen eklig. In Anbetracht der Tatsache, dass er so nah neben mir und auch noch mir zugewandt stand, sogar sehr eklig. Wenn er sich jetzt kratzte, würden bestimmt Hautschuppen auf mich fallen. Ich weiß, dass es gemein ist, sowas zu denken. Schließlich kann er wahrscheinlich nichts dafür, dass er so eine Haut – Dysfunktion hat. Es tat mir auch sofort leid. Ich rutschte weiter nach links.
Ich glaube er wollte mich ansprechen. Ich vertiefte mich in mein Buch. Dann nahm er eine Flasche Frosch-WC-Reiniger aus dem Büdel und nahm ein paar tiefe Schlucke. WTF? Okay, die Aufkleber waren ab, aber es war definitiv eine Frosch-WC-Reinigerflasche! Na gut, vielleicht will er aber auch einfach nicht zuviel Müll produzieren. Wie sich noch herausstellen sollte, kam er nämlich aus der Schweiz, vielleicht haben die dort ja kein Pfandsystem. Und ein anderes Modeverständnis.
Nun kam ich allerdings nicht mehr umzu meinen Blick derart zu erheben, dass ich ihm ins Gesicht blickte. Vorher schielte ich nur hoch, sonst hätte ich ja auch gar nicht seine Frisur und Brille beobachten können. Aber der WC-Reiniger gab mir den Rest und ich vergaß alle Diskretion.
So kam es, dass er mich ansprach. Ob er denn hier richtig sei, auf dem Bahnsteig in Richtung Wunderland?
Naja, okay, das fragte er nicht. Leider. Aber er fragte schon, ob das der richtige Bahnsteig zu seinem Ziel sei. Denn, und jetzt kommt der Knüller, er käme aus der Schweiz, das stellte sich heraus und er müsse sich hier immer erstmal umorganisieren. Denn, Knüller: in der Schweiz hätten sie ja Linksverkehr und dann müsse er sich hier immer erstmal umorganisieren.
Ich dachte danach tatsächlich den ganzen Tag nach, aber nein. Die Schweiz hat keinen Linksverkehr. Aber ihre Bewohner haben einen sehr ausgeprägten Dialekt. Mein, mir sehr nah zugewandter Zeitreisender hier sprach allerdings lupenrein Neuhochdeutsches Hochdeutsch.
Komische Leute sind sonntagmorgens unterwegs. Ich bejahte seine Frage nach der Richtigkeit des Bahnsteigs, fragte mich, ob es nicht doch vielleicht nach Wunderland gehen könnte und widmete mich konzentriert dem hartgekochten Wunderland zwischen meinen Buchdeckeln.
Der Zug kam. Verspätet. Ich suchte mir einen Platz und rutschte ganz weit an die Wand. Neben mir kann auf einem ein-Personen-Sitz immer noch jemand Platz nehmen. Nicht weil ich so verschwindend gering wäre, sondern weil ich das immer so mache. Mit so viel Abstand Menschen bitte meine Privatsphäre einhalten sollen, mit so wenig Abstand halte ich gerne Abstand zu Materie. Im Bett quetsche ich mich eng an die Wand, am besten unterstützt von tausenden Kissen überall und auf Stühlen rutsche ich immer eng an eine Lehne.
Ich schaute aus dem Fenster und dachte angestrengt über die Komischheiten der Menschen nach. Vor allen Dingen sonntagmorgens. Vielleicht fallen sie in der Sensibilität des Wochenendes aber auch nur mehr auf. Vielleicht verhält es sich aber auch so wie das Ende der Welt zum Hardboiled Wonderland. Denn in der Schweiz haben sie zwar wirklich Rechtsverkehr, allerdings nur die Autos. Züge fahren dort tatsächlich einmal umgedreht.

Dienstag, 16. August 2011

:ATMOSPHÄRENGLEICHUNG // :ABZÄHLREIM


MELANCHOLIE
UND DU WEIßT GAR NICHT WIE                                                         ENE
DIR GESCHIEHT

LEICHTIGKEIT
DIE DIR IN DEN NACKEN SCHREIT                                                       MENE
SOBALD SIE FLIEHT

PANIK
BRICHT DIR DAS GENICK                                                                        MU
WENN SIE AN DIR ZIEHT

HARMONIE
VERGAßT DU SIE ?                                                                                WEG

DAS HERZ ZERFLIEßT
DAS SCHWEIGEN BRICHT                                                                             DU






Mittwoch, 10. August 2011

peoplewatching #12: vom Geschichten erzählen und erzählt bekommen.

Und während ich von Frauen lese, deren Haar nach Äpfeln riecht, deren Augen warm und braun wie Haselnüsse oder tief und unergründlich blau wie Ozeane sind, deren Stimmen klingen wie ein warmer Sommerregen oder gar glockenhell, als würden Engel singen, deren Haut weich wie Seide ist, durch zart blonde Härchen glitzert wie Karibiksand in der Sonne und dabei riecht wie Dampf, der vom Moos einer lichtdurchfluteten Waldlichtung aufsteigt - während ich von all diesen Zauberwesen lese und die Augen schließe,  tief einatme, mir mit all meiner Kraft vorstelle, während ich all das tue - warte ich. Und träume. Und hoffe.
Manchmal so fest, dass mich all die Bilder, Gerüche, Erdachtes in der Nacht erneut vereinnahmen. Und hier stellen sie sich vor und ich muss mich gar nicht mehr anstrengen. Ist das dann das eigentliche Geheimnis dieser Worte?
Und dann kommt der nächste Tag und mit dem Augenaufschlag dringt das scharfe Licht ein, die Wärme schwindet und das Herz implodiert.

Und ich gehe durch den Tag, mit offenen Augen versuche ich das Buch des Asphalts zu lesen.
Sehe Männer, auf deren Wimpernkranz jede Frau neidisch wäre. Sehe helle Geister, deren Worte wie eine wohltuende Umarmung klingen. Sehe jene, deren Taten mit dem gesenkten Blick mehr vermitteln als jeder Ausspruch es je könnte. Erkenne Augen, hinter denen eine Traurigkeit steckt, die mich im Herzen sticht und Väter, vor denen man ob ihrer aufopferungsvoll geduldigen Hingabe niederknien und ihnen im Namen aller Töchter und Söhne in alle Ewigkeit dankbar sein möchte. Bemerke ich Narben auf Handrücken, erahne selbe auf Seelen, die eine unendliche Geschichte niederschreiben könnten.

Und es drängt sich eine Frage bis unter den dicken Kloß Richtung Kehlkopf, was ist Traum? Darf ich weiterlesen und beobachten und vorstellen und sehen und erahnen oder ist es an der Zeit, das Buch zuzuklappen und ein für alle Mal wegzulegen oder darf und sollte diese Zeit vielmehr niemals kommen?

Mittwoch, 27. Juli 2011

peoplewatching #11: die verlorenen Kinder vom Bahnhof Niemandsland.

Als würde ein Löwe seinen Herrschaftsanspruch über das Rudel geltend machen wollen. Nicht nur durch lautes Gebrüll. Auch Scheiße und Urin spielen, den Gerüchen der Unterführung nach zu urteilen, eine gewichtige Rolle.
All das, Geruch und Gebrüll, dringt nur leider nicht recht durch bis zum Rudel. Dichter Nebel umhüllt die Sippe, sie nehmen sein Gebaren nur gedämpft war. Des Löwen Schauspiel berührt sie nur entfernt.


So zeigt sich der Löwe nicht mehr stolz und majestätisch in seiner Welt. Arg schütter ist seine Mähne, stumpf und glanzlos. Torkelnd schon sein Stand, mit Makeln übersät sein Fell.
Einen Herrschaftsanspruch - den hat er hier nicht. Aber wer hat den schon. 
Und er hat ihn nicht mal mehr innerhalb seines eigenen Dunstkreises.


Sein Sexualtrieb ist nach wie vor unermesslich. Er steigt die Weiber an, langt gerne zu. Es bleibt zu befürchten, dass, bei allem Verlangen, seiner Libido jedoch schon vor langer Zeit der Garaus gemacht wurde.


Immer wieder stößt sein Kopf ruckartig nach vorn. Von weitem könnte man glatt annehmen, er versuche die Zähne zu fletschen. Er prescht nach vorn, spuckt unverständliche Fetzen seinem Gegenüber ins Gesicht. 
Doch durch seinen unsicheren Stand verkommt die Gebärde zur Clownerie. 
Seine fahlen Augen, die nach jeder dieser ruckartigen Ansagen das Weite suchen in diesem wackligen Körper, quälen das Ganze in die Tragödie.


Und das Rudel? Setzt die Flaschen stoisch weiter an den Hals. Schüttet klares, zimmerwarmes Gewässer als Glückstropfen in die Bierflaschen.


Und dem Löwen, dem bleiben ja noch die Frauen.
Ganz gleich ob zwanzig oder sechzig Jahre alt. Man würde wohl einer jeden Unrecht tun, würde man sie schätzen wollen.Und darum geht es auch nicht. Es geht um Öffnungen. Vielleicht geht es auch um Wärme. Oder ums Vergessen. Oder ums nicht Alleinsein. Und immer geht es doch um Liebe. Aber wer weiß das schon.


Der Löwe tanztorkelt mit einer langhaarigen Brünetten. Untersetzte Figur, graues Gewand, Cap auf dem Kopf, den Zopf durch die Schlaufe gezogen. 
Reißt ihr dabei die Gürteltasche von den Hüften.
Triumphierend schließt er den Clip wieder, wie eine Trophäe hält er den geschlossen Gürtel über sein Haupt. Hören kann ich ihn nicht mehr, wahrscheinlich brüllt er. Seht her, ich habe es repariert.


Der Löwe greift der Brünetten herzhaft von hinten zwischen die Arschbacken und knetet in der goldenen Mitte. Hat er sich ja auch verdient.


Was fehlt? Richtig, die Aufmerksamkeit für sein Gemächt. Er schüttelt ordentlich. Zeigt allen, wer hier die beste Rudelnudel in der Jogginghose sein Eigen nennt.
Gut gebrüllt, Löwe.


Das Rudel? Was soll man sagen. Lethargie.
Schon morgen hat vielleicht ein anderer das Glück. Darf der vermeintliche Chef im Ring sein, während der schüttere König seine Wunden leckt, eine Million Schlangen jagt oder noch viel schlimmer: sich den eigentlichen Fragen gegenüber sieht, die im Kopf auf die andere Seite des Dunstes gelangen und den Weg an die Oberfläche finden.


Wenn ich früher in Schockstarre verfiel, sollte ich morgens um 10 Uhr  auf der Straße jemanden mit einem Bier in der Hand gesehen haben, so weiß ich heute eher: die Uhrzeit spielt keine Rolle mehr.
Im Winter gibt es Berentzen Hüttentraum mit Apfel-Zimt Aroma, im Sommer Cooler mit Melonen- oder Caipi-Geschmack. Wenn das Geld dafür reicht. 
Ob der Körper die nötige Flüssigkeit von alldem absorbieren kann?


Ich weiß nicht, ob es schlimmer ist als früher, oder ob ich nur genauer hingucke.


Allday Reality TV. Nur reeller. Authentischer. Und auch nachdem die Bahn losfährt verfügbar. Genauso wie gestern. Und genauso wie morgen.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Das Quasi.

Das Quasi ist ein komisches Getier,
es ist nicht Huhn, nicht Bär, noch Stier.
Doch quakt es und auch selten ist es nicht -
und für das empfindsame Gehör
ein abgeschmackt´ Gedicht.


Man könnte viel eher sagen, sozusagen,
ist es auch kein Fisch - nein - mehr ein "Sozusagen".
Man könnte also, sozusagen, "Sozusagen" zu ihm sagen.
Selbst der denkende Denker könnt es kennen.
Und doch mag er es nicht so recht benennen.

Dienstag, 31. Mai 2011

Babette.





Babette, die kleine Pummel-Hummel,
flog - trotz ihrer Leibesfülle - recht kokett
zu einem Rosenstummel.


Dort dachte sie, für sich privat:
"Ach Gottchen hätt´, ja hätt´
ich nur, einen guten Freund parat.


Einen Liebsten vielleicht sogar,
mit gelbem Po, mit Bart
und samtig weichem Haar.


Mein Leben und auch dieser Rosenstummel hier
wär´n an sich angenehmer,
stünde doch ein 'WIR' auf dem Papier!"


So dacht´ es sich Babette und flog erneut
von dannen, hin und her,
und hält sich Herz und Augen offen -
viel off´ner seit jeher.


Bild via

Sonntag, 29. Mai 2011

base

„Auf welcher Basis trauen sich Leute mit ihrer Umgebung auseinanderzusetzen?“

(Frage nach Olafur Eliasson)

Ein kleiner Gedankengang 

Die Basis ist eine Grundlage. Die Grundlage kann ein Ausgangspunkt sein, von dem es weitergeht. Und welches ist der Ausgangspunkt der Leute, des Einzelnen?
Verortet stellt er sich immer wieder dort zu einem jeweilig gegebenen Zeitpunkt (aka Ausgangspunkt) dar, an dem die Linien, die Verläufe, die Stränge des bis dato verlebten Lebens zueinander laufen, sich verzweigen, verweben und wieder neue Ausgangspunkte schaffen, um schließlich weiter fortzuschreiten und dabei erneut in verschiedene Richtungen zu streben, um zum willkürlich nächsten Zeitpunkt erneut aufeinanderzutreffen und so weiter. Wie in Parallelwelten können dabei zu den verschiedensten Gegebenheiten auf vielen Ebenen neue Knotenpunkte entstehen.
Verknüpft mit diesen Linien, Fäden des Schicksals oder des Plans schleichen sich gemeinhin die gesellschaftlich-kulturellen Konventionen und Regeln ein, die die Leute im Zaum halten, ihnen aber auch Halt und Raum geben.
Doch der Zaum, der lässt nicht viel zu.
Kann es denn so zu echter Auseinandersetzung kommen? Kann man eine Situation, einen Sachverhalt, Beziehungen und Zusammenhänge und sich selbst in Gegenüberstellung dazu, tatsächlich derart auseinandersetzen, dass alle Stränge, alle Zusammen- und Anhänge zu entwirren und erkennbar werden?
Das fällt schwer zu glauben, stellt aber vielleicht nur so die grundsätzlich anzunehmende Basis zu einer echten Auseinandersetzung mit seiner Umgebung dar.

Sich mit den Fragen „Wo komme ich her? Was habe ich gelernt? Wie wurde ich zu dem was ich bin? Was denke ich, was finde ich und warum ist das so?“ und viele Aufgaben von Selbstreflexion mehr, bergen so möglicherweise die Voraussetzungen für eine tatsächliche Auseinandersetzung in sich.

Dienstag, 24. Mai 2011


So I waited for "someone"
to take me by his hand
and introduce me
to the other land
that I once knew
and wanted to get to know again
by heart.
With all my soul and faith
and bravery and strength.
But no one came.
Maybe I had to see
and to discover this "someone"
in me.

Donnerstag, 19. Mai 2011

Wort des Tages: Erlebnisoffenheit

Offenheit. Für Film, Musik, Meinung, Kleidung, Farben, Sexualität, Konsum, Geschmäcker, Eissorten, Überraschungen, Einstellungen (in Grenzen), alles.
Alles schon gehabt.


Kinder zeichnen sich bis zu einem bestimmten Punkt durch ihre, irgendwann abhanden zu kommende, Erlebnisoffenheit aus.


Leben. Aktiv gestalten, sagen, machen, planen, tun, probieren, (nach)denken, nicht (nachdenken), hören, lernen, schaffen, helfen, weitergeben, wachsen, vieles mehr. Kann einem aber auch einfach passieren.
Erleben. All dies mitnehmen, reflektieren, abspeichern, verwerfen, erfahren, benutzen, erlernen, staunen, neugieren, spüren und und und.


Das finde ich großartig.
Nicht nur reine Offenheit. Erlebnisoffenheit, das erscheint doch als eine Tugend, die es meiner Meinung nach zu ergründen, zu erhalten oder neu wiederzufinden gilt.
Schön.

Dienstag, 17. Mai 2011

peoplewatching #9: Bahnsteig-Blues

Eine halbe Stunde Warterei muss noch gewartet werden und ich bin tatsächlich der letzte Mensch in der Uni.
Naja, zumindest fast. Ein hübsch Bärtiger sitzt gegenüber auf rotem Sofa, ein weniger hübsch Nicht-Bärtiger weit entfernt auf genau solch einer harten Holzbank, auf was für einer sich auch mein Hintern gerade quält.
Neben mir ein Glas von mir ausgelöffelter Schoko-Karamell Pudding. Seine Deko Trauben waren lecker, die 1/8 Deko Pflaume sah zunächst aus wie ein Mini-Wini. War aber doch Pflaume. Gott sei Dank.
Mein Handy hext nicht. Dabei warte ich schon seit Stunden auf eine liebe Antwort auf eine liebe Nachricht.
Der Bärtige kaut, geht vorbei und schaut.
Viel eigentlicher warte ich nicht nur ein paar Stunden, sondern schon viel längere Zeit. Vielleicht sogar mein ganzes Leben. Wie episch.
Hautunreinheiten lieben solche Tage. Bei denen man morgens das Haus frisch gepudert und berouget verlässt und ab dort die Epidermis sämtlichen Radikalen des Alltags frei ausgesetzt wird. An diesen Tagen sieht man am Abend unglaublich beschissen aus. Manchmal auch schon morgens.
Deswegen gehen Bärtige auch nur schauend kauend vorbei und beenden nicht etwa die Scheiß-Warterei.
Der Schoko-Karamell Pudding ist da auch nicht hilfreich. Eher Pfirsiche. Wegen der Pelle. Also der Haut. Also der Vitamine darunter. Pfirsichhaut für Pfirsichhaut.
Puddinghaut für Puddinghaut. Harhar.
Dementoren lieben dieses Wetter. Es ist grau. Es regnet. Glauben die Gestalter tatsächlich rote Streifen machen graue Wänder nebst grauen Himmels erträglicher? Das tun sie nicht einmal nebst blauen Himmels.
Schlimm.
Schlimm ist auch die Warterei.
Die Warterei ist das Schlimmste.